Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 49.1926

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Auswahl, durchwegs aber die Wiedergabe der ein-
zelnen Blättervorzüglich gelungen und überhaupt
die gesamte Ausstattung des stattlichen Bandes
mustergültigist.Die Vorlagensind natürlich größ-
tenteils Farbholzschnitte, die Abbildungen sind
vielfach farbig. Das Material, wenn auch bloß aus
deutschen Sammlungen gezogen, ist trotzdem
von erstaunlicher Fülle und Mannigfaltigkeit. Der
kurze Text der Frau Graf erläutert nicht bloß die
Abbildungen, sondern gibtauch die notwendigsten
kultur- und kunstgeschichtlichen Fingerzeige,
leider ohne literarischen Quellennachweis.

Die Gespensterdarstellungen gliedern sich in
drei Gruppen: In die Gruppe der Dämonen und
Kobolde, in denen allen alte Naturgötter zu er-
blicken sind, die sich nachträglich irgendwie bud-
dhistischen Lehren und Anschauungen ange-
glichen haben. Hieher gehören beispielsweise die
mit Vogelschnäbeln oderLangnasen ausgestatte-
ten Tengus. Die zweite Gruppe besteht aus Tieren,
die mit Zauberkräften begabt sind, die Gestalt der
Menschen annehmen können und diesen bald hel-
fen, bald schaden. Von mythologischer Art ist
„ ,v , , . ,. u , . .„ der Drache. Gleich ihm aus China stammt der

\ oshltsuya, Gespensterszene. Nach dem tarbigen Holzschnitt.

Fuchs, der sich mit Vorliebe in die Gestalt eines
schönen, meist Unheil stiftenden Mädchens verwandelt. Die dritte Gruppe endlich umfaßt die Geister
der Abgeschiedenen, besonders die berühmter historischer Persönlichkeiten. Dieser unheimlichen
Gesellschaft schließen sich noch die spukhaften Phantasiegeschöpfe der Künstler an. Alle diese tief
in den Volksglauben verwurzelten gespenstischen Wesen werden von der verblüffenden Einbildungs-
kraft und der fabelhaften Geschicklichkeit der japanischen Künstler mit, man möchte sagen, über-
zeugender Lebenswahrheit erfüllt.

Die älteste in dem Werke wiedergegebene Gespensterdarstellung rührt von dem Tösa-Meister
Mitsunaga (um 1170) her. Von bekannteren Meistern sind Hiroshige, Hokusai, Kiosai, Kunisada
(Toyokuni II), Kuniyoshi, Sekyen, Shunsho, Toyokuni I und Yoshitoshi vertreten. Wenn Künstler
wie zum Beispiel Utamaro und Sharaku fehlen, so hängt dies natürlich damit zusammen, daß es in
ihren Werken keine einschlägigen Darstellungen gibt.

Die erste Abbildung gibt nach dem Buche einen Farbenholzschnitt Hiroshiges wieder. Sie zeigt
den grausamen Taira no Kiyomori, dem, als er krank in seinem winterlichen Garten Erholung sucht,
aus der Schneelandschaft die Totenschädel der von ihm Ermordeten entgegengrinsen. Die andere Ab-
bildung ist die Wiedergabe eines farbigen Holzschnittes von Yoshitsuya, einem Schüler Kuniyoshis,
aus meiner eigenen kleinen Sammlung. Die (unvollständige) Darstellung selbst weiß ich nicht zu
deuten. Drei Krieger stürzen im Schreck vor einem weiblichen Gespenst, das ihnen im Wald er-
scheint, zu Boden. Links hinten täuschen drei Löcher mit glimmenden Rändern an einem mächtigen
Föhrenstamm einen ungeheuren Totenschädel vor. Ä. W.

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