Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 49.1926

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I

RUDOLF SCHIESTL.

Vor nahezu einem Jahrhundert wurde der deut-
schen Kunst in einem kleinen, weltfernen Schwarz-
walddorfe ein Künstler geboren, den man den letzten
deutschen Klassiker nennen möchte, wären nicht einige
wenige, deren Schaffen uns aufhorchen läßt und zu
vorsichtigerem Urteile zwingt. Sie leben meist »abseits
vom Wege«, wie jener ganz große, den uns der Tod
vor kurzem raubte: Hans Thoma. Sie kennen, wie jener,
im Kunstleben keineRichtungen und Parteien. Sie reden
nicht laut. Der Lärm der allzu Betriebsamen droht ihr
stilles Wirken zu übertönen. Den Lärm der Fabriken
und Maschinen scheinen sie nicht zu hören. Ihre Heimat
ist die große, schweigende Natur. Sie warten und reifen
wie diese. Ihr ganzes Sein und Wirken ist wie ein
Stück Kosmos, das das All zur Wiege und zum End-
ziel hat. Auch gab es vor Jahrhunderten einen noch
Gewaltigeren im Bereich der deutschen Kunst: ihren
ersten Klassiker. Der war stolz darauf, sein Handwerk,
das er gern Kläubeln nannte, von Grund aus erlernt zu
haben. Dem blieb bei aller Meisterschaft das Ringen
um die Meisterschaft ein stetes ernstes Problem. Der
hieß Albrecht Dürer. Ihm war die Natur in ihren
bescheidensten, unansehnlichsten Erscheinungen, in
jedem Zweig und Blatt und Halm etwas Heiliges. Er
war vor ihr voller Ehrfurcht und Andacht.

Rudolf Schiestl, von dem hier die Rede sein soll,
ist kein Unbekannter, auch kein Verkannter. Als Gra-
phiker zum mindesten scheint er ein Bruder und
Enkelsohn der Genannten. Wie Thoma kennt er keine Richtungen. Wie Thoma ist er ein Sänger
der Schönheit und Eigenart der deutschen Landschaft, im besonderen der fränkischen Landschaft.
Wie Dürer faßt er klar und mit unbeirrbarer Entschlossenheit das Ziel seines Künstlerweges ins
Auge und steht hiebei, im Widerspruch zu seiner Zeit, wohl meistens abseits vom Wege. Blättert
man in dem nun schon stattlichen Werke Schiestls, so will es einem bedünken, so wird es einem
fast zum Erschrecken klar, als wäre es nur noch die Provinz und die kleine Stadt, in der man in
unserer jetzigen, von der Hast des Erwerbs und der Hetze des Tages gepeitschten Zeit noch Ruhe
und Sammlung zu finden vermöchte. Wie es einem bisweilen vorkommen möchte, als ob nur dort

Rudulf Schiestl, Alter Bauer mit Kind. Radierung.
(Verlag Julius Schmidt. München.)

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