Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 49.1926

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Hegemonie innerhalb dieser Periode ein berechtigter oder ist ihn anerkennen ein Verkennen des
eigenen nationalen Kunstverlangens, irgendwie ein Verrat an der völkischen Kultur?

Wird die Frage auf eine Vergleichung der absoluten Qualitäten abgestellt, so ist sie offenbar
unfruchtbar, denn diese Qualitäten sind sowohl als individuelle als auch als nationale Erscheinungen
etwas Unvergleichbares. Man denkt mit Schrecken an Probleme, wie sie ja wohl auch einmal auf-
geworfen worden sind: wer ist größer, Dürer oder Raffael, und fragt sich besorgt, welches Forum
zwischen — sagen wir — französischer und deutscher Kunst entscheiden sollte, die beide doch
unzweifelhaft der volle und gleichwertige Ausdruck der geistigen Gesamtexistenz sein müssen, die
dahinter steht. Fruchtbarer wird die Frage, wenn man sie vom Ästhetischen in das Psychologische
rückt und überlegt, was Paris in dieser Zeit — wie Jahrhunderte vorher Rom — diesen Charakter
der Kunsthauptstadt verliehen, was es zum internationalen Treffpunkt aller gültigen Ideen, zum
maßgebenden Umschlagplatz der künstlerischen Strömungen gemacht hat, der fremde Begabungen
von allenthalben an sich zog und durch ihre neue Verknüpfung und Beziehung befeuerte und
erhöhte, so daß hier für mehrere Generationen der jeweilige europäische Stil der Malerei geprägt
wurde? Die Erklärung dieser Tatsache — die sich gradweise einschränken, aber nicht in Abrede
stellen läßt —■ liegt in der außerordentlichen Rolle, die die Tradition innerhalb der französischen
Kunst — wie innerhalb der französischen Kultur überhaupt — spielt. Es hängt dies mit dem
rationalen Wesen des Romanen zusammen, der das verstandesmäßig Erfaßbare und auf dem Wege
der Lehre Übertragbare sehr hoch einschätzt und sich dadurch einen doppelten Vorteil sichert; er
schafft sich ein Publikum, da das Verhältnis zwischen Schaffenden und Empfangenden sich auf
diese Art wohlgeregelt vollzieht, und er sammelt sich dadurch einen wachsenden Reichtum, der
durch alle von den wechselnden Zeiten bedingten Wandlungen hindurch erhalten und wertvoll bleibt.
Die Tradition wirkt sich gewissermaßen horizontal und vertikal aus: sie hat zur Folge, daß der
Einzelne nicht immer wieder genötigt ist, sich seine Gemeinde neu zu erobern, da er einen bereiteten
Boden vorfindet, der dem Produzierenden und dem Genießenden gemeinsam ist, und sie bewirkt
anderseits, daß jene nie abreißende Kette sich bildet, die dem Einzelnen einen festen Halt gibt.
Hier in dieser großen Tradition findet auch der waghalsigste Neuerer Ahnherren und Heimat und
weiß, daß auch seine Kunst nur das vorgeschobenste Stück einer durch die Jahrhunderte gewachsenen
und weiter wachsenden Einheit ist. Der deutschen Kunst fehlt, wie wir wissen, diese Tradition, sie
liebt das Irrationelle, im Gefühl Wurzelnde, das weder gelehrt noch übertragen werden kann; es
fehlt ihr daher neben dem geschulten und aufnahmsfreudigen Publikum auch die Stetigkeit der
Entwicklung. Jeder deutsche Künstler muß sich selbst den Kreis, auf den er wirkt, schaffen und
erobern; er muß immer wieder von vorne beginnen, aus sich heraus die ganzen Voraussetzungen
erzeugen, die der Franzose als Grundlage bereits vorfindet. Die Geschichte der deutschen Kunst
ist nicht ein zusammenhängender Gebirgszug, sondern eine Kette einzelner Gipfel.

Dieser in tiefsten nationalen Wesensverschiedenheiten begründete Gegensatz weist die sicht-
bareren Vorteile der französischen Kunst zu; er gibt der deutschen als Entschädigung den Zwang,
der nur der Not entspringt. Die ungeheure Kraftanspannung, deren jede völlige Xeuschöpfung aus
dem Nichts bedarf, gibt den größten deutschen Werken eine schmerzhafte Überlegenheit über die
französischen Meisterleistungen; flößt ihnen eine Wärme ein, die dem kühleren Werdegang dieser
unerreichbar bleibt; legt tiefe Einsamkeiten um sie, die der sozialeren Atmosphäre Frankreichs
unbekannt sind. Am Barbarentum der urtümlichsten deutschen Werke haftet eine Unvollkommen-
heit, die bisweilen höchste Kraft ist; in der nicht gänzlich geglückten Verschmelzung liegen hie
und da reine Goldkörner eingebettet. Sie zu finden bedarf es aber der Einfühlungsfähigkeit, die

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