Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 49.1926

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immer man ihr begegnet — auf
malerischem, kunstgewerblichem,
graphischem Gebiet — immer
auffällt; wir fühlen etwas Nor-
disches in ihm, vielleicht weil er,
wie ein Teil unseres Expressio-
nismus von der »Peinture fauve«
ausgehend, injenes Zwischenland
von Dekoration und Konzentra-
tion, Schmucktrieb und Aus-
drucksbedürfnis gelangt ist, das
auch für die deutsche Kunst eine
so wichtige Station darstellt. Mit
dieser teilt er auch noch die
Geringschätzung des traditionell
Technischen, den Willen, mit
allen Mitteln aus der Platte her-
auszuholen, was sie für die
augenblickliche Aufgabe an Wir-
kung herzugeben vermag. Diese
Wirkung ist dementsprechend
häufig eine sehr starke; etwa in der
traumhaft phantastischen Vision
einer großen flgurenreichen Kreu-
zigung oderinexotischen Szenen,
Tropenglut mit einem Einschlag
parodistischer Jazzmusik, von
denen ein Beispiel abgebildet sei.

Einer besonderen Vorliebe
erfreut sich der Holzschnitt, be-
ziehungsweise Holzstich, dessen Weißwirkung eine feinere Modellierung ermöglicht. Ein pracht-
volles Hafenbild von Herbert Lespinasse ist lehrreich für die vom Aktualitätsdrang des heutigen
deutschen Holzschnitts so verschiedene französische Auffassung. Gewissermaßen zeitentrückt, frei
von jedem inhaltlichen und beinahe auch stilistischen Erregungsmoment; mit dem Hang zur Klassi-
zität zur Welt gekommen. Selbst bei einem in der Formauffassung so stark modernen Künstler wie
Galanis, einem auch technischen Experimenten sehr zugeneigten vortrefflichen Holzschneider, über-
wiegt diese gegenwartsferne Objektivität; seine Holzstiche stellen zumeist Stilleben dar, einige sind
Reproduktionen nach Gemälden Cezannes. Im fleißigen Gekläubel sucht der Franzose, einem fremden
Bildgedanken dienstbar oder einem Stoff ohne seelischen Anspruch sich widmend, klare Form aus
dem Grunde zu heben; der gleichen Technik vertraut der deutsche Künstler seiner Seele tiefstes
Geheimnis an. In der menschlich wärmsten aller graphischen Techniken, dem Holzschnitt, verrät
sich der Sprung am tiefsten, der unter täuschendem Firnis durch die ererbte Internationalität
Europas hindurchgeht. Hans Tietze.

Nach dem Holzschnitt.
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