Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 49.1926

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SCHABBLÄTTER VON VIKTOR HAMMER.

Die Schabkunst wurde noch vor der Mitte des XVII.
Jahrhunderts von dem deutschen Edelmann Ludwig von
Siegen, einem Dilettanten, in Amsterdam erfunden. Von
ihrem Erfinder lernte sie ein anderer, noch vornehmerer
Dilettant, nämlich Prinz Ruprecht, der Sohn des Winter-
königs Friedrich von der Pfalz und seiner Gemahlin
Elisabeth, der Tochter Jakobs I. von England. Dessen
erstes Blatt, der Henker mit dem Haupt des Johannes'
nach Ribera, ist vom Jahre 1648 datiert. Schon Prinz
Ruprecht hatte, als er sich nach der Restauration der
Stuarts im Jahr 1660 abermals nach England begab, die
Schabkunst in dieses Land verpflanzt, wo sie im
XVIII. Jahrhundert ihre höchste Blüte erleben sollte. Von
England wurde die »schwarze Kunst« vornehmlich durch
Johann Jacobe gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts nach
Wien übertragen, wo zweifellos auf dem Kontinent nach
London die besten Schabblätter geschaffen wurden.
Viktor Hammer, Selbstbildnis. Schabblatt. Christian Mayer, der Schabblätter nach Karl Rahl ge-

arbeitet hat, ist noch um die Mitte des XIX. Jahrhunderts,
da allenthalben die Schabkunst wieder in Vergessenheit geraten war, die vereinzelte Ausnahme
eines Künstlers, der dieses Verfahren pflegt.

In ihrer Blütezeit war die Schabkunst eine reproduzierende Technik, die hauptsächlich gemalte
Bildnisse wiedergab. Der englische Bayer Hubert Herkomer und Frank Short, der hochbegabte heute
noch lebende ausgezeichnete Radierer, haben um die Wende des XIX. auf das XX. Jahrhundert in
England die Schabkunst wieder neu belebt, und zwar als originalgraphisches Verfahren, indem sie
geschabte Landschaften und Bildnisse schufen. Höchst vereinzelt haben auch zeitgenössische
iener Künstler Originalarbeiten in dieser Technik hergestellt, zum Beispiel Ferdinand Schmutzer
und Ferdinand Michl.

Viktor Hammer, der vorzügliche Wiener Maler und Zeichner, der jetzt in Florenz lebt, hat für
diese Technik von jeher eine besondere Vorliebe gehabt und schon ungefähr 1910 in Berlin eine
kleine Platte, das Bildnis seiner Frau, gewiegt und geschabt. Von dieser Platte hat sich bloß ein
einziger Abdruck erhalten. Wie der Künstler, an dessen freundliche Mitteilungen wir uns hierin und

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