Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 49.1926

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JAMES ENSOR:'DIE KATHEDRALE.

EINLEITUNG.

Im Jahre 1886 hat James Ensor als Sechsundzwanzigjähriger das Werk geschaffen, das als
bedeutsamste Radierung inmitten seines reichen Oeuvres steht: die Kathedrale. Mit diesem Jahre 1886
beginnt für Ensors innere Entwicklung eine Wendezeit, die sich schon äußerlich in der Zurück-
drängung der Malerei durch die seit 1886 in seinem Schaffen vorherrschende Griffelkunst bekundet.
Seit Ensor die Akademie verlassen hatte, setzte er sich mit bravouröser Energie für die Empor-
führung des Impressionismus ein, in dessen Disziplin er eine Reihe von Bildnissen, Interieurs und
Stilleben geschaffen hat, die — damals viel umstritten — heute als Museumsstücke dem dauernden
Bestand der Meisterwerke jener Schule zugerechnet werden. Doch der wohltemperierte Farbenfriede
dieser Malereien, die stoffliche Indifferenz ihrer stillebenhaften Auffassung der Gegenstände wird
seit dem Jahre 1885 durch eine seltsam überreizte Spannung irritiert. Denn in das Lichtgewebe
ihrer Binnenräume schleichen sich geisterhafte und abseitige Erscheinungen, Larven, Phantome und
Skelette ein. (»Das spukhafte Spind« — »Skelett betrachtet Chinaarbeiten«, beides Gemälde aus dem
Jahre 1885.) Durch diesen Einbruch der Phantomenwelt in die von dem verbrieften Impressionisten
niemals hinterspürte und nur als schöner Oberflächenschein gewertete Materie, wurde James Ensor
von seinem bisherigen Wege abgedrängt. Das Abenteuer jener spukhaften Erscheinungen hat ihn
verlockt und in ein Labyrinth auswegeloser Trugwahrnehmungen gestoßen. In dieser Stunde wurde
er zum Graphiker, und zwar mit innerer Notwendigkeit: Die phantomatischen Begegnisse, die ihm
bei seinem abwegigen Suchen widerfahren sind, entzogen sich der Wiedergabe in einer so materie-
verhafteten und umständlichen Technik, wie sie der von James Ensor bisher angewandten pastosen
Malerei zu eigen war, wogegen ihm die geistigere Zeichenform ein viel unmittelbareres und flinkeres
Werkzeug bot, um seine fremdartigen Psychogramme zu chiffrieren.

Die Malereien seiner Anfangsjahre haben für die Kunstgeschichte der belgischen Moderne ihren
festen Wert. Die Werke aber, welche seinen Ruf über die Grenzen Belgiens hinausgetragen und
seinem Namen — über eine Generation hinweg — wirkende Gegenwartsverbindlichkeit verliehen
haben, sind eben jene sonderbaren Larvenspiele, die totentänzerischen Saturnalien und die gespen-
stigen Phantasmata der Nacht- und Schattenseite seines Schaffens. — Es war nicht nur die Faszi-
nation der sonderbaren Stoffe, die diesen Bildnereien James Ensors eine so nachhaltige Wirkung
sicherte, noch war es der skurrile Reiz von Ensors Formensprache, die ihren schemenhaften Gegen-
ständen leicht und gefügig wie ein Schatten folgt und selbst so geisterhaft und phantomatisch wirkt,
als habe sie ein Medium, ein Trancezeichner zu Papier gebracht. Vielmehr behielten diese
Schöpfungen des Belgiers eine vom Ablauf der Jahrzehnte unberührte, noch ursprunghafte Gegen-
wärtigkeit, weil sie vorläuferhaft gewisse Ahnungen, Erlebnisse, Erleidnisse zum Ausdruck

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