Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 49.1926

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UNSERE DIESJÄHRIGE MAPPE.

Es ist lange her, daß unseren Mitgliedern zum letzten Male Tiefdrucke als Jahresgabe dar-
geboten werden konnten. Dieses Jahr geschieht es endlich wieder, wenn auch, den noch immer
harten Zeiten entsprechend, in einem der Friedenszeit gegenüber eingeschränkten Maße. Doch
hoffen wir, daß die drei Radierungen den Mitgliedern und Freunden unserer Gesellschaft zur Freude
gereichen werden. Das erste Blatt ist von einer Platte gedruckt, deren Urheber nicht mehr unter
den Lebenden weilt. Wir haben sie aus dem Besitz der Mutter Franz Hofers erworben, jenes zu
den schönsten Hoffnungen berechtigenden Künstlers, der noch in jungen Jahren 1915 beim Durch-
bruch von Gorlice gefallen ist. Die Radierung stellt eine Anbetung der Hirten dar, das uralte Motiv
ist ins Slowakische übersetzt, eine Umwelt, die den Künstler besonders angesprochen hat. Die
Platte ist nicht ganz vollendet, doch wurde sie selbstverständlich pietätvoll so belassen, wie sie
vom Künstler mittelbar auf uns gekommen ist. Nur waren ein paar Stellen so dünn im Strich, daß
der Druck unserer verhältnismäßig hohen Auflage sie zweifellos allmählich zum Verschwinden
gebracht hätte. Hier (am Kinde und an der Hand der Mutter) hat Professor Alfred Cossmann mit
all der feinfühligen Vorsicht, die ihm eignet, und seiner unbedingt sicheren Hand leicht nachgeholfen.
In dem seinerzeit (1916) von uns in den »Mitteilungen« veröffentlichten Verzeichnis von Franz
Hofers graphischen Arbeiten, das der nunmehr gleichfalls schon heimgegangene Hofrat Dr. Franz
Breitfelder, des Künstlers väterlicher Freund und Testamentsvollstrecker, angelegt hat, ist unsere
Platte unter Nummer 20 beschrieben. Zu dem dort vermerkten zweiten Zustand, den noch die
Gründer erhalten, ist somit in der gewöhnlichen Ausgabe ein dritter hinzugekommen. — Das
zweite Blatt, Oskar Stössels anmutige Radierung »Baumstudie«, ist gleichfalls das Werk eines
Sohnes der grünen Steiermark. Mit derselben Zartheit, mit der der Künstler sonst das duftige Haar
schöner Frauen behandelt, hat er hier das anziehende Gewirr silbrig grüner Weidenzweige wieder-
gegeben, sauber und sorgfältig, doch ohne Kleinlichkeit, mit altmeisterlicher Liebe zum Gegenstand.
In der Liste von Stössels bis 1922 geschaffenen Radierungen (in den »Mitteilungen« dieses Jahres)
trägt das Blatt die Nummer 16. — Das dritte Blatt der Mappe endlich rührt von Karl Sterrer her,
jenem Künstler, den wir heute stolz zu den allerbesten unseres Vaterlandes zählen. Wir sind ihm
zum größten Danke verpflichtet, daß er uns dieses schönste Blatt der jüngsten Gruppe seiner
Radierungen freundlich überlassen hat. Sterrer hat im vorvergangenen Sommer (1925) wieder
radiert und da, wie es seine Gewohnheit ist, gleich eine Reihe Blätter (zehn Stück) auf einmal
geschaffen, fast alle von ziemlicher Größe. Die Vorwürfe sind ganz einfach: zweimal Liebespaare,
zweimal ein Maler mit seinem Modell, einmal eine Frau, das andere Mal zwei Frauen beim Ent-
kleiden, ein weibliches Brustbild, zwei liegende weibliche Akte und der von vorne gesehene sitzende
in unserer Mappe. Des Künstlers Technik ist in der Radierung ganz so wie auf seinen Bildern
breiter, großzügiger geworden, seine edle Eigenart aber ist die gleiche geblieben.

Die Mappe zeigt einen neuen Umschlag, dessen künstlerischer Schmuck, ein geschmackvoll
zierliches Netzwerk von Buchstaben und Zierlinien, Rudolf Junk verdankt wird. A. W.

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