Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 49.1926

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FRIEDRICH WIESER

A m 10. Juli 1926 haben wir dem verehrten Präsidenten des Kuratoriums der
Gesellschaft für vervielfältigende Kunst Minister a. D. Professor Dr. Friedrich Wieser zu
seinem 75. Geburtstage nach Brunnwinkel am Wolfgangsee telegraphisch unsere Glück-
wünsche gesendet. Wir sahen im Geiste den vom Alter kaum berührten Mann in seiner
vollen körperlichen und seelischen Kraft und Frische vor uns, wie wir ihn kannten, nicht
ahnend, daß er schon wochenlang schwer krank war. Gerade an seinem Geburtstage ging
es ihm besser, seine Familie durfte Hoffnung schöpfen, daß er die infektiöse Lungenent-
zündung, an der er litt, und die bedrohliche Herzschwäche, die sich eingestellt hatte, über-
winden werde. Über die aus allen Kreisen, aus Heimat und Ausland, ihm zugekommenen
guten Wünsche, die ihm aufs neue die tiefe Verehrung bekundeten, die er genoß, und die
Erwartung aussprachen, daß sein reger schöpferischer Geist der Welt noch viel Wert-
volles bieten werde, war er hoch erfreut. Aber schon in den folgenden Tagen nahm die
Krankheit die ernsteste Wendung, zwei Wochen nach seinem Geburtstage, am 22. Juli,
ist er dahingeschieden. In München wurde er eingeäschert, die Beisetzung seiner Asche
fand in Wien statt, dort, wo seine Tochter und Schwiegertochter, die beide auf tragische
Weise ums Leben kamen, beerdigt sind.

Friedrich Wiesers Tod ist ein schwerer Verlust für das geistige Leben Österreichs,
des deutschen Volkes und der Welt. Wir sind nicht so reich an schöpferischen Geistern,
daß wir nicht das Gefühl schmerzlichster Verarmung empfinden sollten anläßlich des vor-
zeitigen Hinganges dieses hochbegabten edlen Mannes, welcher nicht nur seiner Wissen-
schaft, der Nationalökonomie und Gesellschaftslehre, Großes gegeben, sondern überhaupt
die Kultur Österreichs, vor allem auch die künstlerische, durch seine Ideen, wie durch
die phantasievoll-künstlerische Form seiner Darstellungsweise und durch seine Liebe zur
bildenden Kunst eigenartig beeinflußt hat. Es liegt nahe, daran zu denken, wie schwer es
Österreich trifft, innerhalb weniger Monate zwei Männer von solcher Geistigkeit und
Produktivität und von solch anerkanntem Weltrufe, wie Franz Klein und Friedrich Wieser,
aus der Reihe seiner geistigen Repräsentanten gestrichen zu sehen. Auch für jedes andere
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