Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 50.1927

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Hermannn. FRAN Z WIEGELE ALS ZEICHNER.

Künstler, bei denen malerisches und zeichnerisches Schäften gleich bedeutend sind, auf das
eine oder andere hin zu betrachten, ist ein Wagnis. Die kunstgeschichtliche Forschung hat es uns
wiederholt zu unternehmen ermutigt. Tote konnten sich zwar nie dagegen wehren, wie die Lebenden
mit ihnen verfuhren. Das Unternehmen trug aber im Falle des Gelingens seine Rechtfertigung in
sich, einzig und allein durch die Tatsache, daß es gelang. Und es ist keine Frage, daß die Betrachtung
großer Meister als Zeichner uns schon oft wichtige neue Aufschlüsse über ihre Gesamterscheinung
gebracht hat.

Bei jedem beliebigen ist dies nicht möglich. Der bedeutende Künstler ist eine Welt für sich
und jeder Versuch, sei es auch in noch so wenigen Zügen eine »Ansicht« von ihm zu gebert, not-
wendig eine kleine Weltbildskizze. So wird der Versuch der Betrachtung eines Künstlers »als
Zeichner« nur dort Aussicht auf Gelingen haben, wo das gesamte Schaffen in jeder technischen
Kategorie von gleicher Intensität durchdrungen und getragen ist, wo aus jedem Bruchteil in
unverschleierter Deutlichkeit das »Weltbild« der schöpferischen Persönlichkeit herausleuchtet. Nur
Künstler, die als Zeichner ein ebenso umfassendes und erschöpfendes Bekenntnis ihres Wesens
und ihrer Einstellung zur Umwelt geben wie in allen anderen Arten ihres Schaffens, können aus-
schließlich als Zeichner betrachtet werden. Da der Schreiber dieser Zeilen der Überzeugung ist, daß
dies bei Wiegele der Fall ist, will er im folgenden den Versuch in Form begleitender Worte zu
einigen Handzeichnungen des Künstlers unternehmen. Die Möglichkeit des Gelingens ist in einem
solchen Fall durch den betrachteten Gegenstand von vornherein gegeben und ihre Verwirklichung
liegt an der Art der Betrachtung. Eine wesentliche Erschwerung besteht darin, daß über den Maler
Wiegele noch äußerst wenig gesagt wurde.

Ein liegender Akt aus dem Jahre 1918 sei an den Beginn gestellt (Abb. 1). Locker und gelöst
in allen Gelenken liegt der kräftige nackte Mädchenkörper da. Das Liegen ist aber nur ein halbes;
versteckte Spannung geht durch den ganzen Organismus. Der eine Schenkel ist über den andern
geschlagen, in barocker Drehung wölben sich die Hüften. Der linke Arm stützt, hingegrätscht, die
ganze Last des Oberkörpers; die lockere, untätige Hand verstrahlt. Die unsichtbare Rechte ist aber
Quelle neuer Kraft und neuer Bewegung. Sie strömen durch den aufgestützten Arm, steigen in der
Schulter hoch und der Leib, der unten auf der Basis wuchtet, so daß sich die linke Brust flach
drückt, scheint sich langsam im Gegensinne der Schenkel hinüberzudrehen. Schwer und traum-
befangen hebt sich das Haupt, als wäre es aus dem Schlummer gerufen, der sein Antlitz noch
maskenhaft verwischt, aus dem Augen, Xase und Mund in schummrigen Andeutungen zu erwachen
beginnen, während das nächtliche Lockenhaar in die Tiefe lodert.

Das Wort »barock« wurde gebraucht. Es möge nicht auf den Geist der Zeichnung bezogen
werden. Das an Kontraposten reiche Motiv ist solcher Art, wie sie die Barockkunst liebte, die
Durchführung und formende Bewältigung hat mit Barock nichts zu tun. Die starke Untersicht ist

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