Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 51.1928

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NEUE DEUTSCHE DANTE-GRAPHIK. IL

Im Doppelheft 2/3 des Jahrganges 1922
dieser Zeitschrift habe ich bereits auf die Bedeu-
tung hingewiesen, welche die neubelebte »Griffel-
kunst« in Deutschland für die bildlichen Darstel-
lungen zu Dantes Göttlicher Komödie gewonnen
hat, während umgekehrt die ungeheure An-
regungskraft und Bildlichkeit der Dichtung den
Künstlern immer wieder neue und starke Impulse
gab. Wenn ich schon damals in einer Nach-
tragsbemerkung auf die soeben erfolgte An-
kündigung eines weiteren wichtigen Zyklus hin-
weisen konnte, so ist mir seitdem noch ein so
reiches und wertvolles Material zugewachsen,daß
die nochmalige, ergänzende Behandlung des The-
mas an dieserStelle wohl gerechtfertigt erscheint.1
In herzlicher Dankbarkeit darf ich dabei mit
einigen Blättern beginnen, die mir unter anderen
Erzeugnissen der Originalgraphik vom Deut-
schen Buchgewerbeverein zu einem Gedenktage
gewidmet wurden (Mappe zum Archiv für Buch-
gewerbe, 1926, Heft 1) und so zugleich eine große
persönliche Freundlichkeit der schaffenden Künst-
ler für mich bedeuteten.

Es befindet sich darunter zunächst eine der
letzten Arbeiten von Lovis Corinth (1858 bis
1925), eine Lithographie zum ersten Gesang der Hölle, Dante und die drei Tiere darstellend, echt im-
pressionistisch mit Pinsel und Kreide breit hingestrichen und mit hastigen, nervösen Schraffuren
wieder aufgelichtet; der Dichter nur als Silhouette oben rechts sichtbar, klein, ängstlich zusammen-
geduckt und ganz gegen die Tiere verschwindend. In der großen Corinth-Gedächtnisausstellung
der Berliner Nationalgalerie befand sich auch ein Aquarell des gleichen Gegenstandes (Nr. 470 des
Kataloges), die Tiere ähnlich aufgefaßt wie in der Lithographie, doch mehr in der Mitte des Bildes,
Dante dagegen auf der rechten Seite stehend in rotem Gewand, das Ganze im übrigen in blau-
grün-braunen Tönen gehalten. Fernerstehenden könnte es fast verwunderlich erscheinen, daß
Corinth, den man meist nur als einen großen Realisten und lebensfrohen Kraftmenschen ansah,

i Einiges davon wurde, allerdings ohne Abbildungen, schon in meinem Aufsatz >Neue Beitrage zur Iconografia Dantesca«, Deutsches
Dante-Jahrbuch. Band VIII, Berlin 1924, besprochen, der auch zahlreiche Ergänzungen zur älteren Kunst gab.

Rudolf Saudek, Dante.'

Radierung.

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