Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 53.1930

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So sind sie ohne jenes nicht zu verstehen.
Denn sie sind, in des Wortes wesentlichstem
Sinne, Zeichnungen eines Malers.

Und noch eines müßte man vorweg-
nehmen, um schnell ans Ziel, zur richtigen,
gründlichen Leseart dieser Zeichnungen zu
kommen. Das ist die Physiognomie des
Künstlers. Auch sonst bieten ja die Physio-
gnomien der Künstler nicht selten den
Schlüssel zur Erscheinung ihrer Kunst.
Hier ganz besonders. Wer den jungen Mann
einmal gesehen hat, wird das leicht be-
greifen, schon beim ersten Anblick wirkt
sein Körper mitsamt dem Kopf nicht wie ein
Zufall, sondern wie eine Bestimmung. Auf
der breit untersetzten plastischen Gestalt —
dieser Gestalt eines Bildhauers, die, was
sich ihr entgegenstellt, förmlich bedrängt —
sitzt ein Schädel von markantestem Zu-
schnitt, mit einem ungemein energischen
Kinn und einerhohenjäh zurückweichenden
Stirn. Chana Orloff hat in einer Büste die
schräge Vehemenz dieser Physiognomie
nachdrücklich herausgearbeitet und damit
nicht nur ihre frappante Ähnlichkeit mit
einer Reihe von Studien des Künstlers nach
verschiedenen, auch weiblichen Modellen
aufgezeigt, sondern auch schon eine Deutung für den Linienzug und Formentrieb seiner Zeichen-
weise überhaupt an die Hand gegeben.

Die schon erwähnte lithographische Serie zeigt den Zeichner am Beginn seines Weges. Sie
trägt den Titel »Palästina, zehn Lithographien von Josef Floch (mit einer Einleitung von E. Tietze-
Conrat), Benjamin Harz Verlag, Wien-Berlin«, ist 1924 erschienen, in einer einmaligen Auflage von
150 Exemplaren, und enthält nacheinander die folgenden Darstellungen: Blick von der Stadtmauer
in Jerusalem, Lagernde Karawane, Bei Tiberias, Am Weg nach Jericho, Landschaft bei Nazareth,
Am Tiberiassee, Tiberias, Araber, Am Weg nach Nazareth und Blick auf Jerusalem.

Beim ersten Anblick der Blätter mag man sich noch erinnert finden an deutsche Zeichner der
Zeit, besonders an Barlach und Kokoschka. Aber das bedeutet hier beileibe nicht Nachahmung,
sondern nur Parteinahme. Schon der blutjunge Floch weiß nichts mehr von der Akademie, er steht
entschlossen und eindeutig unter der Fahne der Modernen. Und stellt hier, so jung, schon seinen
Mann. Der stärkste und anhaltende Eindruck kommt von dem stürmischen, immer ins Große strebenden
Zug der Blätter. Stürmisch, ja ungestüm, aber niemals unbesonnen. Dieser Jüngling hat sich in der
Hand, sein Temperament ist beherrscht und eben darum echte, zielbewußte Kraft. Selbst in einem
so bewegten Augenblick, als er zum erstenmal heiligen Boden betritt, angefallen von der heißen
Sonne des Orients, von unsagbaren Bildern und Erinnerungen, verliert er sich nicht. Ihn verwirrt

Josef Floch, Weiblicher Akt, sitzend.

Braun lavierte Kreidezeichnung

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