Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 54.1931

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BERLINER GRAPHIKER DER NACHKRIEGSZEIT.

ii.

Walter Gramatte, geboren 1897 in Berlin,
der 1929 kaum zweiunddreißigjährig starb,warder
meistversprechende unter der jüngsten Generation.
Es istviclleicht gar nicht angebracht, den Ausdruck
»vielversprechend« zu gebrauchen, da er in den
wenigen Jahren ohnedies fast die Entwicklung
eines normalen Lebenslaufes, von den stürmischen
Jugendarbeiten angefangen, über wuchtige Schöp-
fungen, wie sie sonst nur die Mannesjahre bringen,
bis zu den abgeklärten und vereinfachten Werken
eines ganz reifen Mannes, mitgemacht hat, fast als
hätte er seinen frühen Tod vorausgeahnt. Seine
Anfänge fallen in die Jahre des Umsturzes, und
da schließt er sich der revolutionären Kunst an,
weniger selbständig, wenn er nicht durch die Stärke
der Ausdruckskraft über den Durchschnitt hervor-
ragte. In erster Linie beschäftigt ihn damals die
Illustration revolutionärer Themen. Dann wird er
von den geistigen Strömungen der Xachkriegs-
jahre mitgerissen, Theosophie und Spiritismus
spiegeln sich in seinen Arbeiten wider, in denen er versucht, neue Dinge auszudrücken, die man
wohl fühlt, die auszudrücken man aber noch keine Mittel besitzt. In den Kaltnadelblättern »Der
Traum von den Fischen«, »Das Warten«, »Die große Sehnsucht« gibt er diese Visionen wieder.
Aber das alles waren nur Tastversuche. Mit der Atzung findet er eine neue Form, die Technik
fängt ihn als solche zu interessieren an, er schließt sich entfernt an die Leute der »Brücke« an,
immer aber seine Selbständigkeit bewahrend. In der Mappe »Das Gesicht« (9 Radierungen, Euphorion-
Verlag, 1923) wiederholt er neunmal seinen eigenen Kopf und auch den Kopf seiner Frau, jedesmal
ein andrer Kopf, immer gespannter, immer ausdrucksstärker an inneren Energien. In den 10 Radie-
rungen zu Büchners »Lenz« (1925, Verlag des Hamburger Buchbundes) wiederholt er nochmals,
eingespannt zwischen zwei Landschaften, das Thema Kopf, innerlich versteckt natürlich immer
wieder der eigene. Aber hier fängt er mit der Schilderung stärkster seelischer Emotionen an, die
langsam in eine komponierte Welt übergehen, das Gesicht wie ein Kelch aus dem Halse wachsend,
die Augenbrauen hochgewölbt, die Augen wie Sterne. In den 12 Radierungen »Wozzeck« (1925)
vereinfacht er die Illustration beinahe zum Symbol, eine Hand mit einem Messer, das sich in die
Brust bohrt, oder ein ertrinkender Kopf, und in den 10 Radierungen aus Spanien führt er die

Walter Gramatte, »Vava«.

Radierung.

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