Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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2. Egbert van Heemskerck Sr., Pinselzeichnung. Amsterdam, Slg. A. Welcker

wie sehr büßt es an Lebendigkeit und vor allem an perspektivischer Richtigkeit ein, wenn man
es neben das Skizzenbuchblatt legt!

Das letztere wurde aller Wahrscheinlichkeit nach direkt in der Herberge de's Ortes verfertigt
und gibt die Darstellung nicht allein viel genauer, sondern auch in viel besseren Proportionen
wieder. Wieviel lebendiger ist hier die Hauptgruppe, sowohl der zuschauende Mann als auch
die Frau, ebenso der Kartenspieler, dessen Rücken man sieht, gar nicht zu sprechen von Tisch
und Stühlen. Ganz weit aber bleibt die Pinselzeichnung zurück, wenn man auch noch die
übrigen Gruppen in Betracht zieht. Wieviel besser und genauer sind, besonders vom Stand-
punkt der Perspektive, sowohl die zweite Gruppe in der Ferne und die Frau, die eben eintritt,
als auch das Männlein beim Kamin! Die Hinzufügung des intimen Gebrauchsgegenstandes in
der Ecke links, wie gut diese Ergänzung sich auch an und für sich rechtfertigen läßt, vermag
an diesem Eindrucke nichts mehr zu ändern. Im übrigen bekommt man eine interessante Ein-
sicht in den Geschmack des Publikums, dem der Künstler offenbar entgegenkommen wollte.

Da alle Zeichnungen dieser Folge, wenn auch in verschiedenen Farben, so doch auf dieselbe
Art und Weise ausgeführt sind, besteht wenig Zweifel, daß alle diese Zeichnungen auf analoge
Weise entstanden sind, wie diese beiden, welche einander nach Jahrhunderte langer Trennung
durch Zufall wieder begegneten. Nach meiner Meinung haben viele Blätter in ähnlicher Weise,
das eine mehr, das andere weniger, an Lebendigkeit eingebüßt.

Was leh rt uns nun dieses Skizzenbuchblatt in bezug auf die Reihe der Zeichnungen ?

Zu allererst, daß die Zeichnungen sehr wahrscheinlich an Hand von Skizzen nach der Natur
im Atelier des Künstlers verfertigt sind. Als stummer Zeuge hiefür befindet sich noch jetzt
braunrote Wasserfarbe, in welcher die große Pinselzeichnung ausgeführt wurde, auf dem
Skizzenbuchblatt.

Zweitens, daß die Zeichnungen dieser Art weder als Entwürfe für Gemälde noch als über
veritatis gedacht waren, sondern daß sie höchstwahrscheinlich in der Form, in welcher sie auf
uns gekommen sind, schon das Endprodukt und für den Verkauf bestimmt waren, um die

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