Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 4.1939

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KURT HOLTER / BEISPIELE VON GRAPHIK IN HANDSCHRIFTEN

Die Verwendung von Graphik in Handschriften ist an sich nichts Allzuseltenes. Meist han-
delt es sich aber, auch im Falle von Bucheignerzeichen, um eingeklebte Stücke, seien
es Holzschnitte oder Kupferstiche. Der Fall von Graphik, die unmittelbar neben dem hand-
schriftlichen Text und in unlöslicher Verbindung mit ihm verwendet wurde, ist bedeutend
seltener. Neben dem Blockbuch und der illuminierten Handschrift sowie der Ubergangsform
der mit Zeichnungen oder Miniaturen versehenen Inkunabel stellt diese Kombination die letzte
Möglichkeit einer Vorstufe zur graphisch verzierten Inkunabel dar. Die weite örtliche Ver-
breitung und ihre zeitliche Stellung in den verschiedenen Gebieten, in denen wir die Graphik
in Handschriften antreffen, berechtigt uns zweifellos, entwicklungsgeschichtliche Schlüsse für
die Buchgraphik zu ziehen. Die zahlenmäßig geringe Menge lehrt uns andererseits, daß es doch
überall nur ein Versuchen war, ein Beginnen, wie es der allgemeinen Entwicklung der Zeit ent-
sprach. Die im folgenden zusammengestellten Beispiele aus Wiener Beständen haben außer
den eben angedeuteten Zusammenhängen auch insoferne Interesse, als die beiden ersten, die
gewiß nicht nur für den Gebrauch im vorliegenden Fall bestimmt waren, sonst nicht erhalten
zu sein scheinen.

Das älteste Beispiel führt zeitlich und örtlich zu den Frühstufen der Kunst des Buchdrucks
und zu ihren Anfängen in den Rheingegenden zurück. Die Handschrift cod. 2913 der National-
bibliothek enthält die deutsche Übersetzung der Lebensbeschreibung des Kaisers Sigismund
von Eberhard von Windeck.1 Sie ist, wie eine ausführliche Schreibernotiz an ihrem Schlüsse
aussagt,2 von Wilhelm Gralap aus Straßburg i. E. am 8. Juli 1456 vollendet worden. Die Merk-
würdigkeit dieser von einer durchschnittlichen, geläufigen Hand geschriebenen und mit vielen
großen plumpen Initialen in Rot und Ocker versehenen Handschrift besteht in dem Schmuck
ihrer ersten Seite (Abb. 1). Diese zeigt neben einer großen Initiale I in Rot und teilweise ver-
bunden durch handgemalte grobformige Ranken in Gelb, Grün, Sepia, Minium und Karmesin-
rot nicht weniger als fünf figürliche Holzschnitte und Abdrücke von sieben kleinen Holzschnitt-
stempeln, die uns auf den ersten Blick auf eine Kartenmacherwerkstatt hinweisen. Sonst nicht
nachweisbar ist vielleicht der Blasbalg (Mitte oben), der, ebenso wie der Apfel mit Stiel und die
runde fünfteilige Blume (Mittelleiste unten), nur einmal verwendet ist. Die als Farbzeichen bei
Kartenspielen3 ganz übliche Eichel ist in der Mittelleiste zweimal unten verwendet, die fünf-
blättrige gestielte Rose in ihrer oberen Hälfte ebenfalls zweimal und ein drittesmal über der
rechten Spalte. Dreimal ist auch die Schelle gebraucht und gar achtmal der Vogel, der für diese
Zeit ein gewöhnliches Farbzeichen genannt werden kann. Wenn auch die Verwendung dieser
Stempel, wie sie zur Bezeichnung der verschiedenen Werte der Kartenblätter in entsprechender
Wiederholung auf diese aufgedruckt wurden, allein genügte, um eine Kartenmacherwerkstatt
an der Ausstattung der Handschrift am Werke festzustellen, so umreißt der Hinweis auf die
fünf Holzschnitte, wie sie ähnlich z. B. für Neujahrswünsche verwendet wurden, ein weiteres
Gebiet von deren Tätigkeit. Der erste, links neben der Initiale I, 3TX2-3 cm groß, zeigt den
nackten nimbierten Christusknaben nach links schreitend, in der Rechten einen Vogel, in der

1 Papierhandschrift, 29X21-5 cm, 473 Blatt; wie eine alte Foliierung, beginnend mit Nr. 60, und eine alte
Spaltenzählung, beginnend mit Nr. 237, beweisen, fehlen an ihrem Anfang 59 Blatt. Sie befindet sich mindestens
seit Anfang des 18. Jhs. an ihrem jetzigen Ort, der Vorbesitzer ist unbekannt.

2 „Explicit librum totum. Tammichi W ilhelme de Argentinensis potum und wart uss geschriben von mir
Wilhelme Gralap uff santt Kilianen tag im brochmont Anno etc. lvj."

3 Vgl. W. L. Schreiber, Die ältesten Spielkarten und die auf das Kartenspiel Bezug habenden Urkunden des
14. und 15. Jhs., Straßburg 1937, S. 124 ff.

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