Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

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DIE MASKE UND DAS GESICHT

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit — großartige, aber nebelhafte
Worte. Mit ihnen triumphierte Frankreich 1789 über den Ab-
solutismus. Sie schmückten 1914 die französischen Fahnen und
sie prangten über dem Versailler Schlosse, als dort 1919 der sogenannte
Friedensvertrag geschlossen wurde. Ein Volk, eine Regierung, das
diese Maske sicher trägt, sie zu tragen versteht wie das heitere Frank-
reich, wird geliebt, ist gefeit gegen Unglimpf, denn jede Verleum-
dung gegen diesen Maskenträger gleicht einer Schmähung der Güter,
die im Zeitalter humanitärer Ideale als die höchsten gelten. Darum
hat die französische Öffentlichkeit es leicht, bei jedem Sturm gegen sie
in sittlicher Entrüstung aufzubrausen.
Über ein Jahrhundert lang hat Frankreichs Maske die Welt ge-
blendet. Die Menschheit war zu träge, um hinter die Larve zu schauen;
sie begnügte sich damit, ihren Begriff vollkommener Gerechtigkeit in
den Zügen der Maske sehen zu wollen. Nicht nur der Franzose
empfängt das Gefühl menschlicher Würde, das Bewußtsein einer ver-
nunftgemäßen Staatsordnung seines Landes, indem seine Augen bei
jedem Schritt gezwungen werden, die drei Worte noch einmal zu
lesen, wenn Zeitungen, Zeitschriften und Bücher ihn täglich in neuen
Variationen von der Echtheit der Maske zu überzeugen suchen, son-
dern auch der Fremde wird täglich mit lateinischem Wortschwall zu der
Glaubwürdigkeit der offiziellen Staatsideologie und ihren Äußerlich-
keiten überredet: Kein königlicher Prunk, schlichtes Auftreten bürger-
licher Staatslenker, gesellschaftliche Gleichberechtigung aller Bürger,
salopper, humaner Verkehrston der Menschen untereinander.
Es ist gar nicht erforderlich, die Maske ganz vom Gesicht zu
lösen. Wer denkend und schauend durch Stadt und Land geht, er-
kennt ohne weiteres, daß Liberte, Egalite, Fraternite nur Schlagworte
für die Fassade sind. Weder die Verkehrsorganisationen, noch die
Hygiene, nicht die Arbeiterversicherung und am wenigstens die Steuer-
gesetzgebung erfüllen den Sinnspruch der französischen Republik.
Frankreich hat in den letzten einhundert und dreißig Jahren achtzehn
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