Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

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ROLLANDS HEIMKEHR

skizzenhaft und impressionistisch gegeben; ihr äußeres Gebaren, die
Situationen, in denen sie auftreten, das Tempo ihrer Bewegungen
ersteht deutlicher vor dem Auge des Lesers als ihr Innenleben. Wie
in allem, so unterscheidet sich auch darin der „Colas Brugnon“
von dem „Johann Christof“ durch die größere Sinnfälligkeit im
einzelnen.
Thema, Stil, Psychologie und Weltanschauung stehen im Gegen-
satz zu der Apologie des Germanentums im Johann Christof und
verherrlichen den Genius der französischen Rasse. Rollands Entwick-
lung vom Johann Christof bis zum Colas Brugnon, dann weiter zu
„Au-dessus de la melee“ und Clerembault symbolisiert den Weg,
den das ganze geistige Frankreich im letzten Vierteljahrhundert ge-
gangen ist. In Frankreich wurde der Colas Brugnon in dem Sinne
begrüßt, daß Rolland heimgekehrt sei. „II n’y pouvait mieux reussir
qu’en rentrant dans son pays ... II y a quelque barr£sisme dans
cette experience“ schrieb Paul Souday, „ce qui surprend un peu,
c’est que Colas, tout en detestant la guerre, la juge eternelle.“ „Le
vieil humeur gaulois, le ,bien penser et bien sentir‘ comme on disait
au XVI. siede l’epaisse sensibilite de Jean-Christophe, sur les ger-
maniques ,Schwärmerei4. Et nous en sommes satisfaits“, schrieb
J. Dieterlen und J. Ernest Charles stellte mit Genugtuung fest: „Sa
gälte veut etre essensiellement francjaise et traditionnelle. Traditionnelle,
sinon traditionaliste.“ Die gleichen Gedanken, die französische Schrift-
steller beim Erscheinen des Colas Brugnon teils mahnend, teils freudig
bewegt über seine „Heimkehr“ Rolland zuriefen, hat unser Theodor
Storm in die innigen Verse gekleidet:
Hör mich — denn alles Andere ist Lüge —
Kein Mann gedeihet ohne Vaterland 1
Vor der babylonischen Sprachverwirrung der Kriegsjahre hat Romain
Rolland nicht mit so doktrinärer Hartnäckigkeit wie seit 1914 die
utopische Ideologie der radikalen Vaterlandsverleugnung und des
Internationalismus propagiert. Seit dem Kriege tritt auch in ihm der
Gegensatz zwischen Maske und Gesicht in Erscheinung. Als Politiker
verficht er die Rousseauschen Ideale, als Mensch ist er von gleicher
Unduldsamkeit wie die Jakobiner gegen Andersdenkende geworden,
als Dichter ist er Franzose, Lateiner, Neuklassizist. Zweifellos emp-
findet er selbst in stillen Stunden den tragischen Zwiespalt zwischen
seiner Rhetorik und seinem Schaffen, zwischen seiner Sehnsucht die
Welt zu umarmen, das Ganze zu fassen, und zwischen der mystischen
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