Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

Page: 136
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/grautoff1923/0148
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DAS BILD FRANKREICHS

Deutsche fühlen sich gelangweilt, wenn man in einem Buch über
Frankreich wiederholt und nachdrücklich auf die Dreyfusaffäre
als das Zentrum der moralischen Krise hinweist. Sie stöhnen,
ächzen bei der Zumutung, sich mit Prozeßakten zu befassen, um ein
Bild Frankreichs zu gewinnen, weisen das Ansinnen zurück, zumal
besagter Prozeß über ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Ohne auch
nur eine der in Betracht kommenden Denkschriften zu kennen, ohne
sich um sie zu bemühen, registrieren sie die Tatsache, daß ein Justiz-
mord der Ausgangspunkt der moralischen Krise in Frankreich ge-
wesen ist, und urteilen wie Thomas Mann, der in den „Betrachtungen
eines Unpolitischen“ im Laufe seiner Polemik gegen Rolland schreibt:
„Wollen Sie glauben, daß die Prahlerei mit der generösen Tatsache,
daß Hauptmann Dreyfus nur zwei- oder dreimal und nicht auch zum
dritten oder vierten Male um des Staatswohles willen unschuldig ver-
urteilt wurde, mich ein wenig anmutet, wie gewisse Reklamereden
des Herrn Theodor Roosevelt, worin er die Abschaffung der ameri-
kanischen Negersklaverei im 19. Jahrhundert mit klaffendem Mund-
werk als eine sittliche Ehren- und Wundertat sondergleichen feierte?
Meinen Sie nicht, daß Handlungen, wie die Freisprechung eines offen-
bar fälschlich Verurteilten und die Beseitigung einer skandalös ge-
wordenen sozialen Rückständigkeit recht leise, bescheiden und in
verschämter Stille geschehen sollte, statt mit moralischen Posaunen-
stößen der Welt als Großtaten zum Heile der Menschheit verkündigt
zu werden? Kelto-romanischer Stil!“ Aus jedem Wort dieser Sätze
spricht Unkenntnis des ganzen Problems. Wenn die Dinge so lägen,
wie Thomas Mann sie schildert, so wäre sein Hohn berechtigt. Aber
wenn nichts anderes, so beweist der abschließende Ausruf die Ver-
kennung des Wesentlichen. Der Sinn der Dreyfusaffäre ist das Auf-
einanderprallen, der Kampf, das Austragen der keltisch-romanischen
Gegensätze, der Romantik und des Klassizismus. Dieser Kampf
weckte das nationale Bewußtsein und die Sehnsucht nach Zusammen-

136
loading ...