Grautoff, Otto
Die Maske und das Gesicht Frankreichs: in Denken, Kunst und Dichtung — Stuttgart , Gotha: Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., 1923

Page: 167
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ANHANG

DIE FRANZÖSISCHE PRESSE IM URTEIL EINES
FRANZOSEN
(Aus Robert de Jouvenel, La Republique des Camarades, Paris,
Bernhard Grasset, 1914)
Auch die Presse hätte in das Bereich meiner Darstellung gehört. Da es aber
unter den heutigen Umständen für einen Deutschen schwer ist, Objektivität einer
öffentlichen Institution gegenüber glaubhaft zu machen, die seit bald zehn Jahren
in täglichen Rotationen Deutschland mit Schmutz bewirft, so habe ich persönlich
mich zurückgehalten und darauf verzichtet, deutsche oder ausländische Stimmen zu
ziiieren. Ich überlasse das Wort einem glänzenden Pariser Journalisten, dessen Buch,
eine blinkende Charakteristik der französischen Presse enthaltend, in allen Lagern
anerkannt, 1914 einen sensationellen Erfolg erzielt hat. Der Titel des Buches ist
ein internationales Schlagwort geworden. Man wird schon aus den kurzen hier ab-
gedruckten Zitaten verstehen lernen, daß ein zu erhoffender Gesinnungswandel der
französischen Presse weniger von den Journalisten selbst als von den hinter ihr
stehenden Industriellen ausgehen müßte. Die Journalisten Frankreichs sind nach
Robert de Jouvenel nur Marionetten in der Faust der Geldleute.
Der Chefredakteur einer großen Zeitung ist selten ein Journalist; fast
niemals ein Politiker; meistens ein Schieber in Staatsunternehmungen;
immer ein Industrieller.
Manchmal ist seine einzige Industrie der Journalismus, manchmal ist
auch der nur Nebenzweig einer Hauptindustrie. In beiden Fällen aber um-
schließt der Journalismus einen ausgedehnten kaufmännischen Betrieb.
Der Umsatz gewisser Zeitungen übersteigt 30 Millionen (1914). Ein
Tagesblatt dritten Ranges verlangt ein Jahresbudget von 150 000 Franken.
Es ist verständlich, daß zur Verwaltung solcher Summen nicht nur Phan-
tasie und Geist gehören; selbst Talent reicht nicht immer aus.
Der Chefredakteur einer Zeitung ist also vor allem ein Industriedirektor.
Was er jeden Tag verausgabt und aufs Spiel setzt, repräsentiert beträcht-
liches Kapital. Er fühlt sich seinen Aktionären gegenüber verantwortlich,
denn sie setzen Vertrauen in ihn, auch seinen Lieferanten gegenüber, denn
sie geben ihm Kredit und sogar den Journalisten gegenüber, denn er gibt
ihnen zu leben.
Möglich, daß er außerdem moralisches Verantwortlichkeitsgefühl hat,
aber das spricht erst in zweiter Linie.
Früher fußte die Berufsehre eines Chefredakteurs auf seiner Unab-
hängigkeit. Heute beruht die Berufsehre auf der Achtung vor den Ver-
fallstagen. -—-

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