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bildung wird der eigene Vater geleitet haben. Von ihm lernte
der «Schreiner» Jörg — wie er noch auf der Höhe seines
künstlerischen Schaffens urkundlich genannt wird — von Grund
aus jene handwerkliche Fertigkeit und Genauigkeit, die, in ed-
lem Wettstreit mit der freien Gestaltungskraft, den eigentlichen
Reiz seiner Arbeiten ausmachen. Der Einfluß, den Hans
Multscher1 auf den werdenden Bildschnitzer ausgeübt haben
mag, kann sich nur auf Anregungen allgemeinster Art beziehen.
Die beiden Stilweisen zeigen von Anfang an einen geradezu
absichtlich erscheinenden Gegensatz2. Die weichen Umriß-
linien von Multschers Gestalten werden bei Syrlin zu harten.
Konturen. Die Menge der dort sich stauenden Faltenzüge löst
sich hier vielfach in Flächen auf. An Stelle der überwiegend
malerischen Wirkung tritt die schärfere Charakteristik der
Einzelheiten. — Man könnte sagen : Multscher hat sich ein italieni-
sches Gemälde, Syrlin dagegen einen deutschen Holzschnitt zum
Vorbild genommen. — Dennoch ist letzterer im Aufbau des
Ganzen seinem Vorgänger überlegen durch harmonischere Ver-
teilung der Massen.
A. DATIERTE WERKE.
Von 1458, dem gleichen Jahre, in welchem Hans Multscher
mit dem Sterzinger Altar sein Hauptwerk vollendet, datiert die
früheste uns erhaltene Arbeit des Meisters Jörg: ein eichener
Singpult im Ulmer Gewerbemuseu m3.
1 Hans Multscher, geb. zu Reichenhofen (Südschwaben) um 1400, er-
hält 1427 unentgeltlich das Ulmer Bürgerrecht, fertigt 1480 den Kargschen
Altar im Münster, 1437 das in Berlin befindliche Altarwerk (acht gemalte
Tafeln) und vollendet 1458 unter Mitwirkung tüchtiger Gesellen den Ster-
zinger Altar. Er stirbt zu Ulm 1467. (Vgl. Wörmann: «Gesch. der Kunst»
Bd. II, S. 499 und 520; Probst: «Ueber den Ulmer Meister Hans Multscher»,
Archiv für christl. Kunst 1893, Nr. 4; 1895, Nr. 6.
2 Vgl. dagegen Stadler, der in seinem «Pseudo-Multscher», einem
Mitarbeiter am Sterzinger Altar, den älteren Syrlin erkennen will. s. dessen
Abhandlg. S. 186 ff.
3 Gewerbemuseum Nr. 10. 1844 von dem Werkmeister Heuss in Göp-
pingen dem «Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben»
überwiesen, aus der Umgegend von Hohenstaufen stammend. Publiziert in
den Verhandlungen des genannten Vereins: Bericht II, S. 17, 1844.
bildung wird der eigene Vater geleitet haben. Von ihm lernte
der «Schreiner» Jörg — wie er noch auf der Höhe seines
künstlerischen Schaffens urkundlich genannt wird — von Grund
aus jene handwerkliche Fertigkeit und Genauigkeit, die, in ed-
lem Wettstreit mit der freien Gestaltungskraft, den eigentlichen
Reiz seiner Arbeiten ausmachen. Der Einfluß, den Hans
Multscher1 auf den werdenden Bildschnitzer ausgeübt haben
mag, kann sich nur auf Anregungen allgemeinster Art beziehen.
Die beiden Stilweisen zeigen von Anfang an einen geradezu
absichtlich erscheinenden Gegensatz2. Die weichen Umriß-
linien von Multschers Gestalten werden bei Syrlin zu harten.
Konturen. Die Menge der dort sich stauenden Faltenzüge löst
sich hier vielfach in Flächen auf. An Stelle der überwiegend
malerischen Wirkung tritt die schärfere Charakteristik der
Einzelheiten. — Man könnte sagen : Multscher hat sich ein italieni-
sches Gemälde, Syrlin dagegen einen deutschen Holzschnitt zum
Vorbild genommen. — Dennoch ist letzterer im Aufbau des
Ganzen seinem Vorgänger überlegen durch harmonischere Ver-
teilung der Massen.
A. DATIERTE WERKE.
Von 1458, dem gleichen Jahre, in welchem Hans Multscher
mit dem Sterzinger Altar sein Hauptwerk vollendet, datiert die
früheste uns erhaltene Arbeit des Meisters Jörg: ein eichener
Singpult im Ulmer Gewerbemuseu m3.
1 Hans Multscher, geb. zu Reichenhofen (Südschwaben) um 1400, er-
hält 1427 unentgeltlich das Ulmer Bürgerrecht, fertigt 1480 den Kargschen
Altar im Münster, 1437 das in Berlin befindliche Altarwerk (acht gemalte
Tafeln) und vollendet 1458 unter Mitwirkung tüchtiger Gesellen den Ster-
zinger Altar. Er stirbt zu Ulm 1467. (Vgl. Wörmann: «Gesch. der Kunst»
Bd. II, S. 499 und 520; Probst: «Ueber den Ulmer Meister Hans Multscher»,
Archiv für christl. Kunst 1893, Nr. 4; 1895, Nr. 6.
2 Vgl. dagegen Stadler, der in seinem «Pseudo-Multscher», einem
Mitarbeiter am Sterzinger Altar, den älteren Syrlin erkennen will. s. dessen
Abhandlg. S. 186 ff.
3 Gewerbemuseum Nr. 10. 1844 von dem Werkmeister Heuss in Göp-
pingen dem «Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben»
überwiesen, aus der Umgegend von Hohenstaufen stammend. Publiziert in
den Verhandlungen des genannten Vereins: Bericht II, S. 17, 1844.


