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I. Einleitung
Im Jahre 1499 wohl beriefen m. E. die spanischen
Könige Bramante aus Mailand nach Rom, um eine Memorial-
anlage über der Kreuzigungsstätte Petri in S. Pietro
in Montorio zu errichten. Bramante entwarf einen run-
den von einer Loggia umschlossenen Hof. Die Memorie
in seiner Mitte, der Tempietto, kam allein zur Aus-
führung.
Der Tempietto muß die Zeitgenossen schockiert ha-
ben.* Er sprengte geradezu programmatisch die herkömm-
lichen Vorstellungen von Architektur. Hatte man früher
schon Michelozzos und Albertis Umbau der SS. Annun-
ziata kritisiert, weil die Rotunde einem Gotteshaus
nicht anstehe, wie unschicklich mußte er erscheinen:
Gegen alle christliche Tradition wiederholt er den an- i
tiken runden Peripteros. Die schwere, füllige Gliede-
rung, die fast vollständig die Wand verhüllt, steht
in krassem Gegensatz zum Stil des Quattrocento. Die
nüchterne Strenge des Baus, der alles Gefällige,
prächtiges Material und raffiniertes Detail vermeidet,
betont die schroffe Abkehr vom Gewohnten. Statt der
reichen und eleganten Korinthia, die üblich war, bil-
det die herbe Dorica zum ersten Mal einheitlich die
Ordnung*2
Nur in Bramantes engem Umkreis fand sein revolu-
tionäres Werk Resonanz. Die RomfUhrer, die am Anfang
des 16. Jahrhunderts erschienen, erwähnen den Tem—
3
pietto nicht oder vielleicht nur ganz flüchtig. Noch
Andrea Guarna macht sich in der "Scimmia" (1517) über
Bramantes bedenkenlosen Pragmatismus, seine schroffe
Art und sein steif antikisches Gehabe lustig. Er
spielt auf den Neubau der Petersbasilika an, aber
seine Worte besitzen darüber hinaus Gültigkeit. Dem
ewigen Richter vorgeführt stellt der bekannte Meister
selbstbewußt die Bedingung, daß er sich nur dann ins
I. Einleitung
Im Jahre 1499 wohl beriefen m. E. die spanischen
Könige Bramante aus Mailand nach Rom, um eine Memorial-
anlage über der Kreuzigungsstätte Petri in S. Pietro
in Montorio zu errichten. Bramante entwarf einen run-
den von einer Loggia umschlossenen Hof. Die Memorie
in seiner Mitte, der Tempietto, kam allein zur Aus-
führung.
Der Tempietto muß die Zeitgenossen schockiert ha-
ben.* Er sprengte geradezu programmatisch die herkömm-
lichen Vorstellungen von Architektur. Hatte man früher
schon Michelozzos und Albertis Umbau der SS. Annun-
ziata kritisiert, weil die Rotunde einem Gotteshaus
nicht anstehe, wie unschicklich mußte er erscheinen:
Gegen alle christliche Tradition wiederholt er den an- i
tiken runden Peripteros. Die schwere, füllige Gliede-
rung, die fast vollständig die Wand verhüllt, steht
in krassem Gegensatz zum Stil des Quattrocento. Die
nüchterne Strenge des Baus, der alles Gefällige,
prächtiges Material und raffiniertes Detail vermeidet,
betont die schroffe Abkehr vom Gewohnten. Statt der
reichen und eleganten Korinthia, die üblich war, bil-
det die herbe Dorica zum ersten Mal einheitlich die
Ordnung*2
Nur in Bramantes engem Umkreis fand sein revolu-
tionäres Werk Resonanz. Die RomfUhrer, die am Anfang
des 16. Jahrhunderts erschienen, erwähnen den Tem—
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pietto nicht oder vielleicht nur ganz flüchtig. Noch
Andrea Guarna macht sich in der "Scimmia" (1517) über
Bramantes bedenkenlosen Pragmatismus, seine schroffe
Art und sein steif antikisches Gehabe lustig. Er
spielt auf den Neubau der Petersbasilika an, aber
seine Worte besitzen darüber hinaus Gültigkeit. Dem
ewigen Richter vorgeführt stellt der bekannte Meister
selbstbewußt die Bedingung, daß er sich nur dann ins



