Günther, Hubertus [Editor]; Bode, Michael [Contr.]
Deutsche Architekturtheorie zwischen Gotik und Renaissance — Darmstadt, 1988

Page: 49
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V. Lorenz Lechler

Werk hinterlassen, das der im Traktat beschriebenen Bauorganisation
vergleichbar wäre.

Das Original des Traktates ist verloren. Erhalten blieb die Kölner
Abschrift von 1593 im Musterbuch des Jakob Facht von Andernach
(Abb. 1). Sie umfaßt in diesem Kölner Manuskript 24 Seiten in Folio-
format. Als Fragmente sind neuerdings zwei weitere Versionen, eine in
Heidelberg (Universitätsbibliothek, Hs. 3858) und eine in Karlsruhe (Badi-
sche Landesbibliothek, D. Hs. 157; veröffentlicht bei A. Seeliger-Zeiss
1982), bekannt geworden. Alle drei Texte sind im wesentlichen inhaltlich
identisch.

Verschiedene Abschnitte in Lechlers Traktat sind schwer verständlich.
So übergeht Lechler manche Angaben und Details, die in der damaligen
Zeit selbstverständlich waren, heute aber nicht mehr bekannt sind. Aber
auch Fachts Abschrift enthält einige Widersprüche und Fehler. Anschei-
nend war schon Facht nicht mehr mit der Terminologie Lechlers vertraut.
Durch das Heidelberger und Karlsruher Manuskript konnten diese
Unstimmigkeiten teilweise ausgeräumt werden.

Das Steinmetztraktat gibt ohne feste Gliederung in lockerer Form allge-
meine und praktische Richtlinien. Acht „Füguren" (Konstruktionsskizzen)
sind dem Text vorangestellt (Abb. 1). Die Vorrede führt die zu behandeln-
den Themen auf: An erster Stelle steht das maßgerechte Anlegen eines
Chores, weil „auß dem viel Andern gepey Iren grundt und Maß habendt".
Angekündigt werden noch Handmuster von verschiedenen Bauten und
Bauteilen (vermutlich Risse), ausgezogenes Steinwerk (Wimperg und
Fiale), schließlich Wehrbauten und Zisternen. Diese Ausführungen sind
jedoch nicht vollständig überliefert.

Inhalt des Traktates ist der Entwurf einer ganzen Kirche (vgl. Abb. 2).
Im Mittelpunkt der Abhandlung steht der Chor. Die lichte Weite des
Chores bildet das Grundmaß. Die Maßeinheit ist in Schuh angegeben.

Aus dem Grundmaß werden Länge, Höhe und Mauerstärke des Chores
berechnet. Das Grundmaß bestimmt die Ausmaße der gesamten Kirche,
die Breite des Langhauses sowie Länge und Höhe aller drei Seitenschiffe.
Die Mauerstärke des Chores liefert wiederum das Maß der Mauerstärke
des Hoch- und Seitenschiffes; dazu werden auf dem Reißboden von einer
über die Mauerstärke des Chores gesetzten Hilfskonstruktion - entweder
eine „Vierung über Ort" oder zwei verschränkte gleichgroße Quadrate -
die Maße mit dem Zirkel abgegriffen.

Auch die Gliederung des Bauwerkes hängt von dem Grundmaß ab: die
Größe der Strebepfeiler, der Dienste, Gesimse, Fensterpfosten und Kreuz-
bögen (vgl. Abb. 1). Der Kreuzbogen wird seinerseits maßgebend für das
Gewölbe: Nach ihm richten sich die Scheidbögen. Ausladung und Stärke
der Strebepfeiler determinieren die Höhen der Gesimse und bestimmen
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