Günther, Hubertus [Editor]; Bode, Michael [Contr.]
Deutsche Architekturtheorie zwischen Gotik und Renaissance — Darmstadt, 1988

Page: 107
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X. DARSTELLUNGEN VON SÄULENGLIEDERN
IN DRUCKGRAPHIKEN

Ab ca. 1530 edierten mehrere süddeutsche Künstler Darstellungen ein-
zelner Säulenglieder. Heinrich Vogtherr bezieht solche Darstellungen in
sein „Kunstbüchlein" (1537) ein. Der Meister W. H. (ca. 1540) stellt zwei
vollständige vitruvianische Säulenordnungen dar. In diesen Zusammen-
hang gehört auch die von Virgil Solis geschnittene Serie von Kopien einzel-
ner Architekturglieder nach dem Antikenbuch des Seb. Serlio, die W. Ryff
1547 in Nürnberg unter dem Titel „Der fünft' Maniren der Colonen" heraus-
gab (Abb. VIII 4). Besonders intensiv war die Auseinandersetzung mit den
Säulenordnungen in Nürnberg (Flötner, Beham, Hirschvogel. Solis,
Meister W. H.?). Dürer wirkte hier als Protagonist.

Die Italiener haben auch für dieses Genre die Grundlage gelegt. Vor-
läufer der deutschen Druckgraphiken bilden die zahlreichen gezeichneten
italienischen Architekturmusterbücher und die Stichserie der drei griechi-
schen Säulenordnungen, die Serlio 1528 herausgab. Besonders Cesarianos
Vitruv-Edition von 1521 (Beham. Vogtherr [Abb. 11], Meister W. H.,
Hirschvogel), nach 1540 auch Serlios Architekturbücher (Hirschvogel,
Ryff) wurden von den deutschen Meistern kopiert oder ausgewertet. Vogt-
herr kopierte den Cod. Escurialensis aus der Ghirlandaio-Werkstatt oder
eine ähnliche Vorlage (Abb. LI. - Funke, 96s.), Flötner die Architektur-
stiche des oberitalienischen Meisters Bambaia (Abb. 6. - Bange, 33, 35,
Nr. 25,30-31).

Die Darstellungen von Säulengliedern lieferten Handwerkern, bilden-
den Künstlern und Architekten Motive. Ein charakteristisches Beispiel da-
für bildet die häufige Verwendung der Dorica ab 1449/50 in Wenzel Jamnit-
zers Goldschmiedearbeiten und Stichen von 1551 (Wenzel Jamnitzer, Kat.
Nr. 299s., 19s., 25, 45, 368s.). Das Vorbild bildet der Holzschuher-
Schrank. den Flötner 1541 schuf (Nürnberg, Germanisches National-
museum, Inv. Nr. HG 1702). Ein anderer Nürnberger Fassadenschrank,
der um die Mitte des 16. Jahrhunderts datiert wird, führt sogar eine regel-
rechte Supraposition von dorischer und jonischer Säulenordnung vor
(Frankfurt, Museum für Kunsthandwerk, Inv. Nr. V 119).

Aber als reine Dekorationsvorlagen waren die deutschen Druckgraphi-
ken des 16. Jahrhunderts sicher nicht gedacht. Sie sind zu einseitig gewür-
digt worden, weil die beiden bedeutendsten Meister in diesem Kreis, der
Meister W. H. und Hirschvogel, keine Berücksichtigung fanden. Gerade
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