Hartlaub, Gustav Friedrich
Der Stein der Weisen: Wesen und Bildwelt der Alchemie — München, 1959

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Sie 3(Icf)emie Man hat die Alchemie eine >fossile Wissenschaft* genannt. War sie über-

in l;eutigec Sicf/t haupt je eine Wissenschaft? Wenn wache Nüchternheit zu deren Wesen
gehört, dann war es die Alchemie niemals, denn ihre Adepten, das heißt
diejenigen, die die oberen Grade des Wissens >erlangt< haben, scheinen
eher in einem gewissen Trancezustand geschrieben und >laboriert<-was
sowohl arbeiten wie leiden heißt - zu haben. Während ihre Schwester, die
Astrologie, heute wenigstens in ihrer historischen Tragweite anerkannt
ist, dem Laien auch durch ihren rechnerischen Aufwand imponiert und
von ihm bisweilen noch als Lebenshilfe herangezogen wird, beschränkt
sich die Erforschung der ^Königlichen Kunst<, wie sie sich so stolz
nannte, meist mehr auf philologische Interessen. Während heute noch
Horoskope gestellt werden, mühen sich wohl nur noch wenige Menschen
um den Stein der Weisen; eher dürfte die Arbeit moderner sogenannter
Alchemisten gewissen Arcanmedizinen, etwa nach Rezepten des Paracel-
sus, gelten. Dem Sternglauben, so gänzlich auch er von den kritischen
Natur- und Geschichtswissenschaften abgetan sein mag, kommt immer
noch eine heimliche kosmosophische Schwärmerei entgegen; auch ent-
spricht er der modernen pessimistischen Schicksalsgläubigkeit. Wohin-
gegen der >magische Aktivismus < der Alchemisten selbst bei rückständi-
gen Gemütern wenig Chancen mehr hat.

Bis vor kurzem setzte man die Alchemisten verächtlich mit den >Gold-
machern< gleich - mit Leuten also, die durch Aufstreuung (Projektion)
einer von ihnen angeblich in geheimem Verfahren gewonnenen Wunder-
substanz die >niederen< Metalle in Gold verwandeln (transmutieren) zu
können wähnten - oder vorgaben. Ein solches Bestreben mußte auf den
ersten Blick, von seiner Abenteuerüchkeit abgesehen, als Ausfluß eines
eigensüchtigen Materialismus gelten. Sachlich erschien es schon darum
als aussichtslos, weil sich, wie man noch im 19. Jahrhundert zu wissen
glaubte, die Elemente - mithin auch die Metalle der Alchemisten - nun
einmal nicht verwandeln lassen. Noch dazu versuchten die Alchemisten
bekanntlich ihren auf pseudochemische Transmutation gerichteten Ope-
rationen durch magische, abergläubische, bloß fiktive Mittel nachzu-
helfen. So waren sie - sollte man meinen - geradezu zum Betrug ge-
zwungen; hinter ihrem berüchtigten Versteckspiel mit geheimnisvollen
Symbolen verbarg sich bloße Unwissenheit und Verlegenheit. Die Ge-
heimnistuerei war nur >Brimborium<. Als positiven Wert, den uns das
Trachten und Treiben hinterlassen hat, glaubte man höchstens die so-

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