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Akademische Mitteilungen für die Studierenden der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg: Winter-Halbjahr 1897/98 — Heidelberg, 1897-1898

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1897/98

Heidelbehgeb Akademische Mitteilungen

Nr. 6

Stiftungsfest der Universität.

Am letzen Montag wurde in der Aula der Universität
unter zahlreicher Beteiligung die Feier der Wiederbe-
g r ü n d u n g d e r H o c h s c h u 1 e in herkömmlicher Weise be-
gangen. Nachdem das verstärkte Stadtorchester unter Leitung
des Herrn Musikdirektor Professor Dr. W o 1 f r u m die Feier-
lichkeit durch einen Marsch eingeleitet hatte, hielt Seine Mag-
nificenz der Prorektor, Herr Geh. Hofrat Prof. Dr. Georg
Meyer, die Festrede, ivelche „DieEntstehungundAus-
bildungdesallgemeinenStimmrechts“ zumGegen-
stand hatte. Der Bedner erklärte einleitend den Begriff „all-

gemeines Stimmrecht“ als einen solchen, der eben das Vor-
handensein besonderer Beschränkungen, z. B. Vermögens- und
Bildungsnachweis, ausschlösse. Hierauf wies er nach, dass
man in E n g 1 a n d in der Zeit Heinrich VI. k e i n a 11 g e-
meines Wahlrecht im modernen Sinn besessen habe, es
sei daher nicht zulässig, England als dessen Geburtsstätte an-
zusehen. — Als Väter dieser Idee seien vielmehr die Natur-
rechtslehrer John Locke und Jean JacquesRous-
seau, welche die Gleichheit aller Menschen gepredigt, zu be-
zeichnen. Die französischen Generalstände, welche sich
den Charakter einer konstituierenden Nationalver-
sammlung beigelegt, hätten die Gesetzgebung in die Hand

einer Versammlung gegeben, die auf Grund eines ausge-
dehnten, aber keineswegs allgemeinen Stimmrechtes
gewählt worden sei. Nachdem die gesetzgebende Versamm-
lung dem Konvent gewichen sei, so führte der Bedner weiter
aus, habe das Stimmrecht durch das Gesetz vom ll.August
1792 eine bedeutende Ausdehnung erfahren, indem alle Per-
sonen. mit Ausnahme der Dienstboten, vom 21sten Jabre ab
ohne Unterschied der Steuerzahlung stimmfähigwurden. Dieses
Gesetz sei jedoch nach dem Sturze seines Vorkämpfers Bobes-
pierre darauf beschränkt worden, dass man von nun an die
Wahl der Besten, das heisse der Kundigsten und Erleuch-
tetsten, eingeführt habe, mit welcher Neuerung aucli die

Meinung Hand in Hand gegangen sei, dass das Wahlrecht
kein angeborenes Becht, sondern eine öffentliche
Funktion sei. Das Wahlrecht, welches Ludwig XVIII. erlassen,
habe sich an einen bedeutenden Census geknüpft. Da die
Stimmfähigkeit auf 30 Jahre und eine Steuerzahlung von 300
Franken gesetzt worden sei, so habe sich der Schwerpunkt
der politischen Macht im Adel und dem reichen Bürgerstand
konzentriert, welche Lage sich in der Julirevolution zu Gun-
sten der Bourgeoisie geändert habe.

Im folgenden Teil seiner Bede’ ging Se. Magnificenz zur
Schilderung der vormärzlichen konstitutionellen Formen in
Deutschland üher,' yindem er auf die landständische Ver-
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