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Akademische Mitteilungen für die Studierenden der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg: Winter-Halbjahr 1897/98

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1897/98 Heidelbebger Akademische Mitteilungen Nr. 9

schaftlichen Yerbände beschliessen, eine Kundgebnng an den
einzelnen Hochschulen zu veranlassen.

Nun traten die akademischen Burschenschaften in ge-
sonderter geschlossener Beratung zusammen, deren Gegenstand
die Bildung eines alldeutschen Burschenschafter-Bundes bil-
dete. Ueber Mittag vereinigte ein gemeinsames Essen die
drei Gruppen im Palmengarten des „Cafe Luitpold“. Nach
demselben fand gemeinschaftliche Beratung aller drei Gruppen
in dem Prinzensaale des genannten Cafes statt. Es war alles
dicht besetzt. Zimächst wurde die vormittags von den reichs-
deutschen Burschenschaften beschlossene Sympathiekundge-
bung für die Oesterreicher durch den Sprecher der „Rhenania“
bekannt gegeben und von ihm hierauf dem Sprecher Bendler
der zur Zeit im LDC der österreichischen Burschenschaften
präsidierenden Burschenschaft „Suevia“ (Innsbruck) behändigt.
Dieser dankte in längerer Ausführung mit innigen warmen
Worten. Der Verlesung der Sympathiekundgebung hatten
sich die lebhaftesten freudigsten Heilrufe angeschlossen. Als
sich der brausende Sturm gelegt, bestieg ein alter Herr die
Bednerbühne, Herr v. Pfister-Schwaighusen, Major a. D. der
preussischen Garde-Artillerie und Dozent am Polytechnikum
in Darmstadt. Es war eine wunderbare, von echt burschen-
schaftlichem Geiste durchwehte Peuerrede, in der der alte
Burschenschafter von den jungen forderte, dass sie, hinweg-
gehend über Formalismus und akademisch streng abgegrenzte
Begriffe, die Hand zu dem Alldeutschen Burschenschafter-
Bunde bieten sollen. Nicht der ADC und der BDC und wie
alle die anderen DC heissen, könnten als streng abgeschlossene
Institutionen den bedrängten Deutschen in Oesterreich Hilfe
bieten. Dies könne nur das edle weite deutsche Herz. Also
solle man jede Neigung zu einer Spaltung, zu einer itio in
partes, selbstiiberwindend unterdrücken und sich gemeinsam
die Hand reichen zu deutschem Thun. An der Geschichte
zeigte er in Beispielen, wie die deutsche Volksseele durch
harte Schicksalsschläge aufgerüttelt werde, und sagte mit
Bezug auf die gegenwärtigen Dinge in Oesterreich: Holz
und Wasser tragen, Gott aber kochen lassen! Das Holz
und Wasser müssten die deutschen Burschenschafter tragen.
Nach dem Dank an die „Rhenania“ für ihr lobenswertes
Unternehmen schloss er mit dem Hinweise, dass den Deutschen
immer die hehre heilige Dreiheit: ein Vaterland, ein Volk,
ein schwarz-rot-goldenes Banner vorschweben müsse. Der
feurige Redner wurde von allen Seiten, von Alten und Jungen,
beglückwünscht, und der stürmischen Heil-Rufe wollte kein
Ende werden. Aus Oesterreich sprachen hierauf die Herren
Dr. Kumpf und Dr. Berger aus Wien und Dr. Beuerle aus
Linz, Alle darauf hinweisend, dass die Deutschösterreicher
von den reichsdeutschen Brüdern nicht ein Eingreifen mit der
Waffe zu ihren Gunsten forderten, sie wollten den Kampf
selbst führen, aber ein Verständnis für das, was die Deutsch-
österreicher für den deutschen Gedanken, für das Germanentum
leisten, solle im Deutschen Reiche erwachen. Dr. Weiss
(Prag) sprach iiber die arge Bedrängnis der Deutschen an
der Sprachgrenze, worauf beschlossen wurde, aus dem Ueber-
schusse der fiir die Tagung zur Verfügung gestellten Mittel
sofort 200 Mk. für den von Dr. Weiss bezeichneten Zweck
zu widmen. Ein Vertreter des Darmstädter DC konnte mit-
teilen, dass von diesem aus bereits 100 Mk. für den gleichen
Zweck abgesendet wurden.

Zum Schlusse der Tagung wurde nachstehende Resolution
gefasst: „Die anlässlich der alldeutschen Burschenschafter-
Tagung zu München versammelten reichsdeutschen und
deutsch-österreichischen Burschenschaften befürworten auf
das Wärmste den Zusammenschluss aller deutschen Burschen-
schaften zu einem alldeutschen Burschenschafter-Bund und
werden darauf hinwirken, dass von den burschenschaftlichen
Verbänden zur Verbindung mit den freistebenden Burschen-
schaften Abgeordnete ernannt werden, welche die Grundzüge
des Bundes ausarbeiten und den Verbänden zur Beschluss-
fassung vorlegen.“

Die nächste Tagung findet vielleicht schon zu Pfingsten
statt,

Abends wohnten die Burschenschafter der Vorstellung
der „Meistersinger“ im Hoftheater in Couleur bei. Die bunten
Mützen und Bänder der im Parket und im ersten Rang ver-
teilten Studenten schufen ein ungewohntes farbenreiches Bild
der Zuhörerschaft. Die jungen Akademiker spendeten, hin-
gerissen von dem echt deutschen Geist des Werkes, beson-
ders zum Schlusse stürmischen, langanhaltenden Beifall.

m*

Sprechsaal.

Ohne Verantwortung der Schriftleitung:.

Zuschriften ohne Namensangabe werden nicht berilcksichtigt. Die Namen der Ein-
sender hält die Schriftleitung natürlich geheim.

Die dunkle Stelle im Gaudeamuslied.

Bei Gelegenheit des Strassburger Universitätsjubiläums
machte ein dortiger Philologe auf eine, nach seiner Ansicht
offenbar corrupte Stelle am Ende der zweiten Strophe dieses
Liedes aufmerksam, die er durch andere Interpunktion des
Textes zu verbessern suchte. Dieser immerhin beachtens-
werte Versuch hätte nicht die faden Witzeleien verdient, die
ein gewisser H. H. in Nr. 7 der Akademischen Mitteilungen
darüber zum besten gibt, um so weniger als dessen eigene
Erklärung an Wahrscheinlichkeit zu wünschen übrig lässt.
Ausgehond davon, dass das Lied ursprünglich ein Kloster-
hymnus war, der 1267 gedichtet und componiert worden sein
soll, im Lauf der Zeiten aber allerhand Veränderungen und
Zusätze erhalten hat, kommen wir indessen zu einer andern
Auslegung, ohne den Text verändern zu müssen.

Auf die Frage Ubi sunt, qui ante nos in mundo fuere?
wird geantwortet: Vadite ad superos, transite ad inferos,
ubi jam fuere. Der letzte Relativsatz bezieht sich zunächst
auf die unmittelbar vorhergehende Auffordernng transite ad
inferos, d. h. geht hin und sucht die Abgeschiedenen im Feg-
feuer, wo sie aber nicht mehr zu finden sind, da sie jetzt
noch ohne Reinigung durch dasselbe bei den Himmlischen
weilen. Aber auch bei letzteren waren sie schon vor ihrer
Geburt, nach dem alten Kirchenglauben nämlich als Engel,
so dass also die ganze Strophe im Geist der Zeit, in der
sie entstand, ihren guten Sinn hat. K. C.

Zur duukeln Stelle im Kommersbuch.

„Und was kein Verstand der Verständigen sieht
das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.“

So musste Schreiber dieses unwillkürlich denken, als er
bei gelegentlichem Durchblättern des in weiteren Kreisen als
„kastrierter Kommersprügel“ bekannten Freiburger Kommers-
buches auf das vielbesprochene „Gaudeamus“ stiess. Mit küh-
ner Wendung singt da ein Allerwelts Textkritiker: „Transeas
ad superos, abeas ad inferos, quos si vis videre“ und schafft
so mit einem Scherz die ganze Kontroverse bezügl._ des „ubi
jam fuere“ aus der Welt. Seien wir aber vorsichtig ge-
genüber solchen Korrektoren, die nicht mit wissenschaftlichem
Interesse, sondern in tendenziöser Absicht an unsere Studen-
tenlieder herantreten, die — um nur zwei Beispiele anzu-
führen — statt „Sporen“ „Becher“ und „Panier“ statt „Rap-
pier“ singen, u. s. w. — Warum „transite“ und „vadite“
durch „transeas“ und „abeas“ ersetzt wurde, ist wohl nur
so zu erklären, dass durch die Gegenüberstellung des „transeas“
und des schroffen „abeas“ der Unterschied zwischen dem
sanften Hinübergehen ins ewige Leben und dem schrecklichen
Hinabfahren ins ewige Feuer dem frummen Studio wieder
einmal recht wirksam vor Augen geführt werden sollte.

Derselbe Korrektor lässt Strophe 4 jn den Worten „vivant
nutritores!“ ausklingen. Wer das Freiburger Kommersbiich
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