Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 24,2.1831

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N°. 62. HEIDELB. JAHRB. D. LITERATUR. 1831.

neMere %&er LTomer.
fFortsetzM^g*.^
Es ist ein alter Satz, dafs kein Begründer eines Sy-
stemes jemals auch vollendet; je tiefer überzeugt von
der unumstößlichen Wahrheit der Principien, auf die
ihn Genie und geläutertes Gefühl geleitet, desto einsei-
tiger werden bisweilen seine Beweise, desto falscher ge-
griffen seine einzelnen Beispiele, weil er zu unmittelbar
zu seiner Idee gelangt ist, um den Weg genau zu wissen,
zu voll von ihr ist, um nicht überall eine Bestätigung
von ihr zu erblicken; glaubt nun aber jemand das System
selbst stürzen zu können, wenn er nur jene Beweise wi-
derlegt, jene Beispiele entkräftet, so begeht er densel-
ben Fehler, wie die Schule, die es blos darum schon
angenommen hatte, und stellt sich, während er sie be-
kämpft , auf gleiche Stufe mit ihr, während der wahre
Kampf und Sieg gegen eine Idee nur darin besteht, sie
über sich selbst hinauszuführen. Dem Verf. von No. 3.
zu Folge freilich „besteht selten das Forschen im Auf-
steilen von Wahrheiten, gewöhnlicher im Wegräumen
der Irrthümer," aber von solchen kadmischen Siegen,
wo jeder neue Gewinn nur ein neuer Verlust ist, wolle
der Himmel jeden redlichen Forscher bewahren! Zwar,
ob nicht Hr. Kreuser besser gethan hätte, blos Irr-
thümer wegzuräumen, als seine Kräfte im Aufstellen
neuer Wahrheiten zu versuchen, werden wir gleich
nachher näher sehen; aber im Allgemeinen spricht Ref.
doch aus voller Seele mit einem seiner Freunde*): „die
Kritik ist nicht wesentlich negativ; sie ist keine nur
zerstörende Macht, feindselig gegen das Bestehende ge-
richtet — sondern sie ist auch in demselben Malse po-
*) F. Hitzig Begriff der Kritik S. 1 fg.
XXIV. Jahrg. 10. Heft. 62
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