Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 24,2.1831

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Herbst, Bibliothek christlicher Deuker.

ion

die ganze neuere Philosophie anklagen, und ihr gegen-
über ein ganz Neues schaffen zu müssen gfaubt.
Jedoch die Forderungen unserer christlichen Phi-
losophen an die Phiiosophie unserer Zeit gehen noch
weiter, und darin kann ihnen die kritische Phiiosophie
freilich nicht eben so gutGnüge leisten, wie bisher. Das
Positive nämiich, was sie für die Phiiosophie fordern,
soll die historische Thatsache des Christen-
thums, die Thatsache der christlichen Of-
fenbarung seyn, der Glaube derselben soll der
positiv christliche, der Offenbarungsglaube
seyn. Hier mufs die sich seibst getreue Philosophie zu-
rücktreten, ihr Unvermögen, aber auch ihr Nichtbe-
dürfnifs bekennend. Sie unterscheidet am Christenthum,
was an ihm ewig, und was zeitiich ist, was der Idee
und was der historischen Hüiie, der individuellen Ge-
staltung der Idee gehört. Die Ideen des Christenthums,
die ewigen Wahrheiten in ihm, sind auch der kritischen
Philosophie ,,die Lichtpuncte für die philosophische
Speculation," und sie nennt sich in so,fern immer noch
mit Recht eine christliche Philosophie, aber die Philo-
sophie miifste aufhören Philosophie zu seyn, wenn sie
den positiven Gehalt des Christenthums, zum Ge-
genstand der Philosophie machen , und den Wunder-
glauben an eine in der Zeit geschehene göttliche Offen-
barung als ihren Grund anerkennen sollte. Besonnene
Philosophie verachtet zwar die historische Gestalt des
Christenthums nicht, sie erkennt darin die Formen,
unter denen die reinen Ideen der Religion für das
menschliche Herz lebendig werden und in das Leben im
Grofsen durch Gründung einer religiösen Gemeinschaft
eingreifen konnten. Aber sie gesteht diesen Formen nur
eine ästhetische, symbolische Bedeutung zu, an wel-
chen das religiöse Gefühl erregt wird und in welchen
dieses die ewige, ideale Wahrheit ahnet. Die Aufgabe
also, welche von dem Verf. an die christliche Philoso-
phie gemacht wird, dafs sie „die eigentümlich (d. i.
historisch gegebenen, positiven Gestalten der) Christ-
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