Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 31,2.1838

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Hegel’s Werke 5r Bd.

Sehelling zersprengte die Fesseln dieser Herz und Geist
verengenden Weltweisheit und führte in den Tempel der
Wirklichkeit ein, nicht um ihn staunend zu betrachten, son-
dern mit eigner, freier Selbstthätigkeit ein Priester dessel-
ben zu werden. Wie Platon den Himmel der Weisheit für
die kommenden Geschlechter eröffnete, damit diese ihn er-
oberten, weil nur die sich Gewalt anthun, ihn an sich reifsen;
so wollte Scheiling auch das Reich der Wirklichkeit, der
Natur und der Geschichte aufschliefsen, damit, wer ein Herz
dafür hat, dieselbe durch freie Selbstthätigkeit in Besitz
nehme. Nicht eine Schule im engern Sinne wollte er stiften,
die seine Wahrheit durch geistlose Nachbeterei verseichtigt,
und so weder sich selbst noch der Welt einen reellen Dienst
leistet. Mit gerechtem Unwillen hat er sich immer gegen
eine solche Schule ausgesprochen. Wie aber ein philosophi-
sches System nur ausspricht und zum klaren Selbstbewufst-
seyn bringt, was in der jedesmaligen Zeitentwicklung lag,
und dadurch das Wort, den entsprechenden Ausdruck für das
im Leben schon Vorhandene findet und so in der Mitwelt
Eingang und Anklang findet; so hat Schelling auch die gröfs-
ten Geister seiner Zeit um sich versammelt zur Lösung des
durch ihn zum Bewufstseyn gekommenen Problems ; und es
werden wenige Philosophen aufzuweisen seyn, welche so
viele selbstständige, geniale Geister zum Mitforschen und
zur völligen Eroberung der entdeckten Welt hervorgerufen
haben. Es lag ganz in der Natur der Sache, dafs die Genie-
Eitelkeit und der Taumel, welchen die Freude über die reiche,
neu eröffnete Welt erzeugte, ein Schwelgen in halb klaren
Ideen, ein prophetisches Heden hervorbrachten, welche die
Sache des Urhebers der Naturphilosophie in schlimmen Ruf
brachten. Das Erkenntnifsprincip Schellings, die intellectuelle
Anschauung ward mifsbraucht und verkehrt, und so war grofse
Gefahr eingetreten, diese Philosophie und in ihr alle Philo-
sophie in Mifskredit versetzt zu sehen. Auf diese geistige
Spannung drohte, wie nach einer gewaltigen und gewaltsa-
men Erregung, Abspannung und Erschlaffung einzutreten.
Da trat einer der bedeutendsten Schüler Schellings in den
Entwicklungsgang ein und drang auf besonnene, methodische
Vermittlung, griff das Princip seines Meisters, die intellec-
tuelle Anschauung*, an, und suchte ihren Inhalt auf eine all-
gemein verständliche Form zurückzuführen, und dadurch der
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