Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 31,2.1838

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Viecher: Ucber das Erhabene und Komische.

hervorragen'; Schellings dunkler Grund; Nemesis, die Toch-
ter der alten Nacht; verstandloses Schicksal der Alten, be-
grifflose Leere der Nothwendigkeit (Hegel). Daneben gab
es freilich auch bei den Alten eine lichtvollere Ansicht, wel-
che die uoi^a von Zeus d. h. von der selbstbewufsten Per-
sönlichkeit des höchsten Gottes abhängig machte. Aber der
herrschende Glaube war doch das blinde Schicksal und der
<pSovoq des Herodot. „Das ist das Loos des Schönen auf
der Erde.“ Diese Schicksalsauffassung kann übrigens nicht
Grundidee der Tragödie seyn und kommt in ihr nur neben
der höhern Schicksalsidee vor. (Vergl. Aeschylos.) Sie ge-
hört vielmehr schon im Alterthum der Geschichtsforschung
und dem Epos an. (S. 94 —103.)
Mit der zweiten Stufe beginnt erst das wahrhaft Tra-
gische. Hier wird das Schicksal zur Gerechtigkeit, zur
geistigen Macht, in sittlichem Kreise herrschend. Das Lei-
den des Individuums erscheint hier als Schuld, weil es die
Schranken des Endlichen überfliegen will und dadurch die
sittliche Ordnung verletzt. Aus dem Wesen des Schönen
folgt aber, dafs es die schwache Seite eines grofsartigen
Subjekts oder aber Energie und Verstand der höchsten
Bosheit seyn mufs, was die Schuld bildet. So nimmt das
trag. Verhältnifs eine ethische Wendung, und die Strafe
tritt aus der äufsern Verflechtung der Umstände in das Innere
des Bewufstseyns, oder hat doch nur im Zusammenhänge mit
diesem Bedeutung. ("Maria Stuart.) Irrthum Gruppe’s, dafs
die Schuld nur auf einer Illusion des trag. Subjekts beruhe,
und der Zuschauer nur Mitleid fühlen könne, widerlegt aus
Oedipus. S. 103 — 109. Bei dieser Gelegenheit wird £S.
108.) eine Stelle Hegels citirt, aus der strenggenommen, was
hier gelegentlich bemerkt werden mag, hervorgeht, dafs in
diesem System eigentlich j ed e That, als eine Art Entzwei-
ung eine Schuld wäre und den Keim der Unseligkeit in sich
trüge. Die Stelle offenbart den wunden Fleck der Hegel-
schen Moral.
Der Verf. kommt nun auf eine Hanptdiffereuz zwischen
der antiken und modernen Tragödie. Die beiden Momente
des Tragischen, Nothwendigkeit und Freiheit, das Absolute
und das Subjekt, sind in der antiken Tragödie anders ge-
mischt als in der modernen. Die trag. Methode der Alten
ist synthetisch. Das Schicksal bildet den Obersatz, ist ge-
geben, und der Mensch, wiewohl nicht unschuldig, macht nur
die Anwendung des Gesetzten auf sich. In der modernen
Tragödie dagegen ist das erste Erhabene die Subjektivität,
der frei und unbewufst handelnde Held. Das Schicksal, das
über ihm anbricht, entsteht erst durch sein Thun. Die mo-
derne Behandlung des Schicksals ist also analytisch, vom
Einzelnen zum Allgemeinen, vom Bedingten zum Unbeding-
ten fortschreitend. Der Grund dieser Differenz wird unschwer
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