Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 35,2.1842

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54(i Frölich : Des differends entre les nations civilisees.
hoffen, darüber ein anderes Mal seine Ansichten zu hören, wenn
er durch einen längeren Aufenthalt in Frankreich sich dazu be-
rechtigt glaubt. Auch das Kapitel über Deutschland könnte voll-
ständiger und weniger zerrissen behandelt seyn, was der Yerf.
selbst unzureichend damit entschuldigt, dass er, veranlasst durch
einen Artikel des Herrn v. Cazales in der Revue des deux mon-
des (Janvier 1842. 1. livr.) über Deutschland, hie und da manche
Thatsachen weggestrichen habe. Je seltener wir Deutsche von
vornrtheilfreien, nicht von Parteiinteressen und unreinen Motiven
getriebenen Ausländern ürtheile über uns und unsere muthmass-
liche Zukunft zu hören bekommen, desto offenbarer ist hier jedes
unterdrückte Wort für uns reiner Verlust. Franzosen aber sind,
auch wenn sie im Einzelen einmal das Rechte treffen, im Ganzen
wohl am Wenigsten im Stande, die Eigenthümlichkeit anderer
Völker zu begreifen, und deren Zustände von einem höheren,
nicht von Nationalvorurtheilen verfälschten Standpunkt aus zu
durchdringen. Gerade sie sind daher besonders verdächtige Ge-
währsmänner.
In der Einleitung der Schrift (S. 1—34) sucht der Verf. die
oben erwähnte Aufgabe, die ihm vorgeschwebt, näher zu zeichnen
und zu rechtfertigen. Er findet, weil die Geschichte lehre, dass
jeder Zeitabschnitt seinen eigentümlichen vorwaltenden Geist und
Charakter habe, die Idee sehr natürlich, dass ein solcher auch
unserer Zeit nicht fehle, und dass er nicht etwa blos in ihrer Ei-
genschaft als Uebergangspcriode liegen könne. Die Zeit der kind-
lichen Einfachheit, der absoluten und universalen Monarchie sey
unläugbar vorüber. Die seit 60 Jahren veränderte politische Stel-
lung mehrer grossen Staaten und die fortgeschrittene Aufklärung
der Völker fodere zu der Frage auf: welche andere Politik
denn aber die der Gegenwart sey, und welche Ent-
wickelung ihr muthmasslich in Zukunft bevorstehe?
Denn die für Völker und Regierungen gleich trostlose Behaup-
tung, dass die Politik des 19. Jahrhunderts für uns ein baares
Chaos und Spiel des Zufalls sey, wozu nur die Vorsehung den
unsichtbaren leitenden Faden habe, weist er als albern zurück.
Sollte, fährt er fort, der Charakter dieser unserer Politik vielleicht
der Friede seyn? Dann aber mögte er wissen, warum er es
sey: ob etwa wegen eines politischen Gleichgewichts, oder wegen
Wohlwollens der Regierungen, wegen Furcht vor inneren Bewe-
gungen, wegen blosser Finanznoth oder endlich wegen der ge-
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