Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 35,2.1842

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Christ« Ueber deutsche NationalgesetzgeUung’.

Keim© einer sittlichen Entwickelung in sich tragende Schutz- und
Trutzverbindung ist, so ist eine Nation ursprünglich eine natür-
liche Schutz- und Trutzverbindung stammverwandter Familien. In
dem Begriffe einer Nation liegt daher 1) die allgemeine Ansicht
oder vielmehr der traditionell fortgepflanzte Glaube an einen ge-
meinschaftlichen Ursprung, einen gemeinschaftlichen Stammvater
(Nationalität im engeren Sinne). Dies ist das natürlich wir-
kende, dies aber auch zugleich das heilige, unzertrennliche Band
unter den Mitgliedern der Nation, das Band, welches fast bei al-
len Völkern durch, die Mythe auch eine religiöse Weihe empfing,
indem der Stammvater zu den Sitzen der Götter emporstieg. Diese
lebendige, treu geglaubte, keines Beweises für die Mitglieder der
Nation bedürftige Ueberzeugung von der Einheit des Blutes,
wodurch das Volk als erweiterte Familie erscheint, lässt sich we-
der künstlich geben noch nehmen. Sie ist das göttliche Erbtheil
ungemischter Völker, — ihr Bechtstitel, ein Volk zu seyn; sie
ist zugleich das göttliche Band zwischen dem Volke und dem Für-
sten, welcher mit ihm die Nationalität theilt, und darum Fremd-
herrschaft der empörendste Gedanke. Darum endigt auch die
Nationalität nicht eher, als bis diese Idee der gemeinschaftlichen
Abstammung erloschen ist, und dies — nicht aber religiöse Mei-
nungsverschiedenheit — ist der Grund, warum es den Juden in
Deutschland so schwer hält, bürgerliche und politische Gleichstel-
lung mit der germanischen Bevölkerung zu erlangen, da sie durch
ihre Unvermischtheit die Notorität einer anderen Abstammung, ei-
ner anderen Völkerindividualität fortpflanzen. Die Idee der ge-
meinschaftlichen Abstammung ist als ein physisches Moment von
solcher Bedeutung, dass alle übrigen Momente, welche den Be-
griff der Nation mit constituiren, nur als secundäre Ausflüsse des-
selben erscheinen. Als physisches Moment äussert sie sich auch
nothwendig als eine gemeinschaftliche, eigenthümliche Sprache,
welche somit als die Folge und als das äussere Erkennungszei-
chen der Nationalitäten, nicht aber als der Grund ihrer Ver-
schiedenheiten erscheint. Daher ist es auch für den Einzelnen
kaum möglich, eine fremde Sprache so zu erlernen, dass man
ihm den Ausländer nicht anhört.

CD er Schluss foiyt,)
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