Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 38,2.1845

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Dante’s prosaische Schriften, übersetzt von Kannegiesser.

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gut übersetzt, weil es undeutlich ist. Nicht von der zeitlichen, sondern
der örtlichen Gegenwart ist die Rede, daher möchte wohl der Ausdruck:
persönliche Erscheinung, besser seyn. So auch im 4. Kapitel,
Seite 12.
S. 26. Z. 25. In dem Sgtz: „denn sie erwerben sich Gelehr-
samkeit nicht zu ihrem Gebrauch“, ist das Wort ihrem falsch, da
man es nn Deutschen auf die Gelehrten beziehen müsste. Der Sinn ist
im Gegentheil: „zu dem Gebrauch, der der Gelehrsamkeit würdig ist.“
S. 40. Z. 15. Der Vers heisst eigentlich: Leben pflegt dem trau-
ernden Herzen ein lieblicher Gedanke zu seyn. Zeile 20. „So dass sie
sprach“, ist undeutlich, weil sich das sie auf „die Frau“ beziehen
müsste. Im Italienischen: Che l’anima dicea.
S. 41. Z. 1. bemerke ich für die Leser, dass das nicht ausge-
drückte Wort am Ende des Verses, nach Seite 67, verzehret heissen
soll. —
S. 45. Z. 12. findet sich wieder das unglückselige „Neue Le-
ben“, welches das italienische Vita nuova wiedergeben soll. Dass
vita nuova oder etä nuova die Jugend und etä novella die Kindheit be-
deuten soll, lässt sich aus einer Menge von Stellen aus Dichtern zu
Dante’s Zeit nachweisen, und nur die grosse Vorliebe für das trübe
Mystische macht es erklärlich, wie fast alle deutschen Erklärer der Dan-
te’schen Werke in jener Jugendarbeit, welche vita nuova überschrieben
ist, etwas ganz Besonderes, tief Verborgenes wittern konnten. In seiner
vita nuova wollte Dante nichts weniger als ein neues Leben, in wel-
chem Sinn dies auch genommen werden mag, beschreiben, sondern viel-
mehr einen zurückgelegten Lebensabschnitt, der ihm durch die Liebe zur
Beatrice ein sehr glücklicher gewesen war, in der Erinnerung noch
einmal gemessen. Dies that er auf die Art, dass er die durch das Lie-
besverhältniss veranlassten Sonette und Canzonen ordnete, und in einem
Commentar dazu sich noch einmal alle Umstände vergegenwärtigte. Die
Freunde der Mystik wollten aber in dem Commentar, vielleicht weil er
so überaus trocken ist, durchaus noch einen mystischen Sinn finden, und
bringen es mit Gewalt mit der Divina Commedia in Beziehung; und so
geht es hier wie mit Guido Cavalcanti’s Gedicht von der Natur
der Liebe, das so lange hin und her commentirt worden ist, dass man
jetzt nicht mehr weiss, ob der Dichter eigentlich die sinnliche oder die
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