Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 50,1.1857

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Nr. 9.

HEIDELBERGER

1857.

JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwickelung,
dar gestellt von Dr. Eduard Zeller. Erster Theil. Allge-
meine Einleitung. Vorsokratisehe Philosophie. Zweite völlig
'um gearbeitete Auflage. Tübingen. Druck u. Verlag von Ludw.
Eriedr. Eues. 1856. S. VIII. 560.
Zeller ist einem wahren Bedürfnisse entgegengekommen, indem
er nun auch die Anfänge der griechischen Philosophie sachlich dar-
gestellt, und mit seinem bekannten Fleisse und seiner eigenthiimli-
chen Klarheit ausgeführt hat. Wir gedenken hier keine Angabe
seiner Gesammtanschauung von der vorsokratischen Spekulation zu
geben; wir werden uns auch nicht darauf einlassen, seine Ansich-
ten über das Verhältniss der einzelnen Systeme zu einander zu be-
sprechen ; noch weniger können wir auf viele besondere Parthien
des Werkes kritisch eingehen, und dies und jenes daran berichtigen
oder ergänzen. Wir beschränken uns darauf, einen einzigen Punkt
herauszugreifen, indem wir versuchen, seine Auffassung der pytha-
goreischen Zahlentheorie zu widerlegen.
Die Ansichten der vorzüglichsten Historiker über diese dunkelste
aber interessanteste Lehre der alten Philosophie sind sehr getheilt
und unklar; und die Darstellungen des pythagoreischen Systemes
gehören zu den unbefriedigendsten und schwächsten Theilen ihrer
Geschichtswerke. Der Grund davon ist sonder Zweifel in den man-
gelhaften und oft sich widersprechenden Nachrichten über diese Pe-
riode zu suchen. Noch bei weitem mehr aber hat der Auffassung
der pythagoreischen Philosophie, wie ich glaube, das Bestreben ge-
schadet, alle aufbewahrten Aussprüche und Bruchstücke von Lehren
und Werken unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt bringen zu
wollen.
Schon Reinhold jedoch fand, dass es „vorauszusetzen und aus
einigen .Sporen erkennbar sei, dass eine so ausgedehnte Schule im
Verlauf ihrer Fortbildung bis zum Zeitalter des Plato und des Ari-
stoteles verschiedene, in manchen damals für wichtig gehaltenen
Lehrbegriffen von einander abweichende Fraktionen enthalten habe.
Doch verstatten uns, wie er meint, die Nachrichten hierüber nur
unklare und ungewisse Blicke in die Bedeutung der hier vorhanden
gewesenen Differenzpunkte“ (Gesch. d. Phil. §. 33). Reinhold führt
auch die Differenzen nicht weiter durch, sondern zeichnet die Lehren
dieser merkwürdigen Schule nach den Fragmenten des Philolaos.
Andere Forscher dagegen folgen Ritter und geben zu, „dass
allerdings verschiedene Richtungen in der Philosophie der Pythagoreer
bemerkbar seien, jedoch keineswegs so entgegengesetzte, dass wir
L. Jahrg. 2. Heft. 9
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