Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 50,1.1857

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Nr. 13. HEIDELBERGER 1857.
JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Zeller: Philosophie der Griechen.

(Schluss.)
3. Der agi&fiog tpvöiHog als materielle Homoiomerie.
Zeller, der sich hier sowohl, als in den angeführten Stellen an
Ritter hält, meint die materielle Auffassung der Zahl ganz verwerfen zu
müssen. Da er hiebei auf Ritter’s Ausführung Bd. I, p. 405—407
verweist, müssen wir auf dieselbe näher eingehen. Hier bringt der
gelehrte Forscher fünf Gründe vor, warum Aristoteles da, wo er
von einer materiellen Deutung der Zahl rede, mehr seine eigene
Deutung des Problemes auf dieselbe Ansichten der Pythagoreer über-
trage, als diese rein und unverfälscht wiedergebe. Wir sehen, es
ist ganz dieselbe Auffassung, welche Zeller sich zu eigen gemacht
hat, und welche wir, wie wir glauben, oben an einem sehr charak-
teristischen Beispiele widerlegt haben. Nur wenn diese materiali-
stische Auffassung ganz beseitigt wurde, konnten Ritter, Herrmann,
Steinhart, Zeller u. s. w. ihre idealistische Auffassung des pythago-
reischen Zablenprincips retten. Ein solcher Nachweis musste also
mit derjenigen Ausführlichkeit geliefert werden, welche ihm Ritter
widmet.
a. Ritter kann sich nicht verhehlen, dass Aristoteles den Py-
thagoreern wohl eine körperliche und eine mathematische Auffassung
ihrer Principien zuschreibt. Er kann seine Auffassung nur dadurch
wahren, dass er behauptet, „die Sätze enthielten eine Reihe von
Schlüssen des Aristoteles, welche derselbe im Sinne der Pythagoreer
mache“, die aber natürlich alle nach der Ansicht Ritters falsch sind,
wie er zu zeigen bemüht ist. Diese Schlüsse gehen aber — wie
es a. a. 0. p. 406. Anm. weiter heisst — von dem Satze aus,
dass der Himmel (die Welt) aus Zahlen zusammengesetzt sei, und
dies sei der einzige Satz, welcher in der ganzen Reihe der „ange-
führten Sätze den Pythagoreern selbst angehöre: — ein bitterer
Vorwurf gegen die Aristotelische Darstellung, ihre historische Treue
und philosophische Unbefangenheit. Durchaus falsch soll der Aristo-
telische Schluss sein, „dass die Zahl der Pythagoreer nicht abstrakt
sei.“ Dieses sollen die Pythagoreer „gewiss nicht gesagt haben,
weil der Gegensatz zwischen nichtabstrakter oder mathematischer,
und zwischen abstrakter oder idealer Zahl zu ihrer Zeit noch nicht
gefunden war.“
L. Jahrg. 3. Heft.

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