Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 50,1.1857

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Nr. 18. HEIDELBERGER 1857.
JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Bonivard: Advis et devis etc.

(Schluss.)
In die jeweilige, durch ausdrucksvolle Kupferporträts illustrirte
Papstgeschichte hat der Verfasser oft weitläufige, zum Theil ge-
halt- und lehrreiche Episoden politisch-historischen Inhalts einge-
flochten. Mit Kritik benutzt, bieten sie mehrmals brauchbaren Stoff
und füllen sogar hier und da eine Lücke aus. —
Der zweite Aufsatz: „advis et devis des difformes re-
formateurz“ d. h. Wege und Abwege der missgestalteten Refor-
matoren — liefert das Gegenstück zu den Päpsten und weiset in
oft noch stärkerer Sprache die Auswüchse und Gebrechen der Re-
formirenden nach. Man könne, urtheilt das Vorwort, leichter das
Schlechte zerstören als das Gute aufbauen; schwer sei es, die ge-
rechte Mitte zu finden; denn die Welt sei wie der Rücken eines
Esels; wolle man da die überwiegende Last zurechtlegen, so falle
sie leicht von der einen Seite auf die andere. Man dürfe mit Ci-
cero sagen: „quem fugiam scio, ad quem fugiam nescio“ oder Fran-
zösisch: „Bien scay qui doibz fuir eslire
Mais vers qui, ie ne scauroie dire“ (S. 134). —
In diesem Wort des Alt-Priors liegt, glaube ich, der eigentliche
Schlüssel seines thatsächlichen und schriftstellerischen Benehmens;
statt irgendwie für oder dawider auf dem Posten zu bleiben oder
gar nicht an Flucht zu denken, fiel er in grübelnde Zweifelsucht
(Scepticismus) und verlor über dem steten Nergeln und Mäkeln den
Augenblick eines entschiedenen Handeln sei es für oder wider
das Alte. Nichtsdestoweniger bleibt aber sein Urtheil über Per-
sönlichkeiten und Zustände beachtenswerth und vielfach lehrreich.
Auch darf man nicht vergessen, dass jene wie diese häufig durch
einseitige und parteiische Darstellung in ein zu ideales Licht gestellt
wurden, welchem Natur und Wahrheit fehlen. Dagegen mag auch
der Alt-Prior von St. Victor die Realität oder Wirklichkeit mit
einem übertrieben starken, bisweilen sogar plumpen Pinsel ausge-
malt haben. Nichtsdestoweniger bleiben seine Darstellungen und
Charakteristiken beachtenswerth; sie können wie bei der Papstge-
schichte gerade durch ihren Zug zum Ausserordentlichen, man möchte
sagen selbst Phantastischen in so fern auf den richtigen Weg füh-
. ren, als sie der rein idealisirenden Ueberlieferung Zügel und Mass
anlegen, mithin dem ächt geschichtlichen Standpunkt näher führen.“
L. Jahrg. 4. Heft. 18
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