Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 50,1.1857

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Nr. 19. HEIDELBERGER 1857.
JAHRBÜCHER DER LITERATÜR.

Die drei Kriegsjahre 1756, 1757} 1758 in Deutschland. Aus dem
Nachlasse Joh. Ferd. Huschberg’s, gew. Baierischen Offiziers,
Regierungsrathes und Archivars. Mit Ergänzungen herausge-
geben von Heinrich Wuttke. Nach bisher unbenutzten
Archiven. XCVII. 723. Leipzig bei Hinrichs. 8. 1856.
In literarischer Beziehung erscheint bei dem ersten An-
blick der siebenjährige Krieg als ein breit getretener, vollkommen
abgenutzter Gegenstand, welchen man nach gerade auf sich sollte
beruhen lassen. Bei genauerer Betrachtung aber treten die Sachen
doch etwas anders hervor. Denn so populär und lebendig auch
die handelnden Persönlichkeiten, vor allen der grosse König, durch
Schrift und Ueberlieferung geworden sind, hemmt dennoch bisweilen
das dicke Gestripp des Parteigeistes und der Einseitigkeit den freien
Blick der nüchternen Wahrheit und des unbestechlichen Urtheils.
Die Gegenseite nämlich wird mehr oder weniger in den Darstellun-
gen zurückgeschoben, der Oesterreicher dem Preussen untergeordnet,
zumal jener im Ganzen literarisch etwas spröde und fahrlässig blieb,
dieser überaus eifrig die Berichterstattung aufgriff und in den ver-
schiedensten Formen bis an den heutigen Tag niederlegte. Denn
vom trockenen Schlachtrapport an bis zur kunstreichen, pragmati-
schen Schilderung, ja, seit etlichen Jahren sogar unterhaltenden Ro-
manpoesie aufwärts laufen die schriftstellerischen Denkmäler des er-
schütternden Kampfes; alle Stände haben sich an ihm wie früher
thatsächlich, so später schriftstellerisch gewissermassen betheiligt. —
Dem gekrönten, genievollen Historiker, welcher einst als Handeln-
der den Hauptstoff gab, folgen auch auf dem friedlichen Felde der
Wissenschaft Generale, Adjutanten, Aerzte, Prediger und Staatsmän-
ner in bald kürzern, bald längern Denkwürdigkeiten oder Zeug-
nissen des Erlebten, Gehörten und Gesehenen. Dabei wetteifert der
Pinsel mit dem Grabstichel, der Tonkünstler mit dem Dichter, der
Erzguss mit dem Bauwerk. — Weil ferner eine gewaltige Central-
figur in der Mitte stehet, so bekommt der ganze mannichfaltig ge-
gliederte und abgestufte Dom des Geschichts- und Sagenkreises
epische Abrundung und Einheit; leicht vererbt sie sich von Ge-
schlecht auf Geschlecht, selbst in der abgeschlossenen, unstäten Ge-
genwart nicht völlig hinweggespült und nivellirt. —
Wie schweigsam, fast unbekümmert um das historische Dasein
und gleichgültig gegen die ehrenhaften Mittel und Handhaben des-
selben verhalten sich andererseits nicht die Habsburger! — Die
Akten liegen unter Schloss und Riegel, viele Briefe find Denkschrif-
L. Jahrg. 4. Heft. 19
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