Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Schuler: Geschichte der Eidgenossenschaft.

lebhafte und anschauliche Darsteller mehr geleistet hat als von ihm
zugesagt wird, ein gewiss seltner, der alten, bei allen Gebrechen
sicherlich einfachem Zeit würdiger Fall.
Der erste Band, überschrieben: „die Revolution bis zur Unter-
jochung durch Frankreich“, beginnt mit dem ersten Friedensbruch
und der letzten, sehr genau geschilderten alt-eidgenössischen Tage-
satzung. Eine gedrängte Skizze der innern politisch-sittlichen Lage
und des feindlichen Invasionsplans nach seinen Motiven, Abstufun-
gen und Hebeln wäre da wohl am Platz gewesen. Das Directo-
rium erstrebte, abgesehen von einer republikanischen, der fürstlichen
entgegenzustellenden Liga, Geld und wiederum Geld; trotz des Pa-
piers und der Siege war man daheim an Baarschaften arm; dass
sich letztere in den Schatzgewölben der aristokratischen Cantone,
namentlich Berns, auf verlockende, obschon übertriebene Weise, be-
fanden , galt im Luxenburgpalast als ein öffentliches Geheimniss.
Die demokratisch-einheitliche Umwandlung des vielartigen, föderali-
stischen Schweizerbundes betrachtete man nicht als Zweck, son-
dern nur als Mittel der Agitation und Propaganda, wodurch sich
viele redliche Männer und Gemeinden, unbekannt mit der argen
Menschen weit, lange täuschen und als Werkzeuge missbrauchen
liessen.
Ob Oesterreich in einem geheimen Artikel des Campoformio-
friedens die Metamorphose, Gewalt und Angriff ausgenommen, ver-
gönnt habe oder nicht? — diese Frage ist bisher urkundlich noch
nicht beantwortet worden. Das Gerücht des stillschweigenden Ein-
verständnisses lief aber, wie die handschriftliche Chronik eines ange-
sehenen Berners beweist, wirklich bei dem Ausbruch der Katastro-
phe um und lähmte später sogar bei dem Gefühl der Isolirung hier
und da den Volkswiderstand. Jedenfalls hat man zu Wien den
wirklichen bewaffneten Einbruch nicht erwartet, wie schon die fer-
nere politisch - militärische Handlungsweise dafür spricht. Der be-
reits im Ruhm strahlende und den französischen Machthabern unbe-
quem gewordene General Napoleon Bonaparte billigte den
Jnvasionsplan, theils weil er damals liberal-demokratische Grund-
sätze, wenigstens den Reden und Urtheilen nach bekannte, theils
und vor allem weil er Geld für seinen Lieblingsgedanken, die Aegyp-
tische Heerfahrt, aus der Kriegsbeute baldigst zu beziehen hoffte.
Bekanntlich gingen auch gleich nach dem Fall Berns drei Millionen
Livres mittelst Extrapost nach Lyon ab und nahmen mehre auser-
lesene Geschütze denselben Weg, wenn natürlich auch langsamer.
Auch hatte bereits der schiedsrichterliche, übrigens von den Biindtnern
gleichsam muthwillig herausgeforderte Spruch in der Veltliner Un-
terthanensache von dieser Seite her deutlich genug die Ansicht in
Betreff der alten Eidgenossenschaft verkündigt. — Um nun mora-
lisch dieselbe in der öffentlichen Meinung herunterzubringen, wur-
den planmässig Schritte gethan und Begehren gestellt, welche man
meistens aus Friedensliebe bis zu einem gewissen Punkte hin ge-
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