Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Nr. 30. HEIDELBERGER 1858.
JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Quintus von Smyrna von Platz.

(Schluss.)
Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird die Lebenszeit des Dichters in den
Ausgang des vierten oder in den Anfang des fünften Jahrhunderts unserer
Zeitrechnung verlegt, er selbst aber, trotz einiger Bekanntschaft mit christ-
lichen Lehren, von denen sich Spuren in dem Gedichte vorfinden, als ein
Anhänger des Polytheismus bezeichnet: worin man gewiss dem Verfasser nur
beistimmen kann, eben so auch darin, wenn er die Heimath des Dichters in
Kleinasien findet, wohin uns so manche in dem Gedichte enthaltene Schilde-
rungen verweisen. Was die Quellen betrifft, aus welchen der Stoff des Wer-
kes entnommen ist, so haben wir uns mit der neuesten Ansicht, welche den-
selben aus irgend einem Sagenbuch von der Art des Apollodorus entnommen
glaubt, nicht befreunden können, weil sie uns in der That kaum genügend
erscheint, um den Inhalt in seiner Vollständigkeit daraus abzuleiten: wir können
daher auch keinen genügenden Grund finden, von der so nahe liegenden An-
sicht abzugehen, welche auf die sogenannten Kykliker und ähnliche Dichter
der früheren Zeit zurückgreift. Wie dem auch sei: die Behandlung dieses
Stoffes, und darauf wird doch am Ende bei einem Dichter der Art Alles an-
kommen, ist, selbst von der formellen Seite aus, eine sehr anerkennenswerthe,
in Sprache und Ausdruck hält sich der Dichter ganz an die homerischen Mu-
ster: eben so vorzüglich ist die Technik des Versbaues zu nennen; und was
die ästhetische Würdigung betrifft, so wird dabei immer in Erwägung zu
nehmen sein, dass wir kein Naturepos, sondern ein Kunstwerk vor uns ha-
ben, das uns in künstlerischer Weise die Natur und die Einfachheit des alten
epischen Volksliedes vorzuführen beabsichtigt, und nur in wenigen Stellen
dasjenige Maass überschritten hat, das wir von einer solchen Darstellung er-
warten. Jedenfalls war der Dichter eine sehr begabte Persönlichkeit, ein
Mann von poetischem Talent, bei dem die Flecken seiner Zeit jedoch nie ganz
fehlen konnten. Doch, wir verweisen über diesen Punkt lieber auf die Dar-
stellung des Verfassers selbst, welche die Vorzüge wie die Mängel gegenseitig
und sorgfältig abwägt, um damit zu einer richtigen Würdigung des Ganzen
zu gelangen. Das Gedicht selbst, welches von dem Tode Hektor’s bis zu der
Abfahrt der Achäer nach der Eroberung Troja’s reicht, bietet nicht wenige
anziehende Partien und Schilderungen, die uns unwillkührlich an die Homeri-
schen erinnern und in so fern in ihnen wirklich Nach-Home rische
'O/zfjpov, wie die eine Aufschrift lautet) Lieder erkennen lassen. Der
Uebersetzer hat es sich angelegen sein lassen, den Charakter des Gedichtes
auch in der deutschen Uebertragung erkennen zu lassen, die in einem schönen
Fluss der Rede sich bewegt und streng an die Beobachtung der Gesetze des
LI. Jahrg. 6. Heft. 30
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