Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Quintus von Smyrna von Platz.

Metrums sich hält, eben darum auch alle Beachtung und Anerkennung ver-
dient, zumal wenn wir die Schwierigkeiten erwägen, mit welchen der Ueber-
setzer hier zu kämpfen hat, Schwierigkeiten, die bei der Uebersetzung der
alt-homerischen Gedichte, schon um der immerhin einfacheren Sprache wil-
len, nicht in dem Grade hervortreten. Nur wenige Proben, wie sie der Raum
dieser Blätter allein verstattet, mögen als Belege unsers Urtheils hier nach-
folgen; wir wählen dazu die Klage der Eos um ihren erschlagenen Sohn
Meranon aus dem zweiten Gesang:
Helios sank in das Meer, da stieg von dem Himmel hernieder
Eos, beweinend das theure Kind; zwölf lockige Jungfraun
Waren mit ihr, sie denen die Hut obliegt der erhabnen
Bahn, auf der sich bewegt Ilyperion’s ewiger Kreislauf,
Nacht und Tag, und was Zeus’ Rathschluss rufet ins Dasein,
Dessen Palast und Pforten von unvergänglicher Dauer
Stets sie umschweben, indem sie das Jahr mit der Fülle der Früchte
Bringen, in dess umrollendem Lauf auf frostigen Winter
Folget der blumenspriessende Lenz, auf diesen des Sommers
Wonnige Zeit, dann diesem der Herbst mit der Fülle der Trauben;
Diese nun stiegen herab von erhabenen Räumen des Aethers,
Klagend ob Memmons Tod in unendlichem Schmerz, die Plejaden
Weinten mit ihnen; es hallten die Berghöhn und des Aesepos
Fluthen die Klage zurück, die unablässig emporstieg.
Aber die jammernde Eos, den Sohn mit den Armen umschlingend,
Sass in der Jungfraun Mitte und sprach tiefseufzend die Worte:
„Theueres Kind, so verlor ich dich denn 1 Ach unendlichen Kummer
Hast du der Mutter gebracht; nun du todt bist, ist mir unmöglich,
Ferner zu bringen das Licht den unsterblichen Himmelsbewohnern,
Sondern ich steige hinab in des Hades düsteren Abgrund,
Wo, von dem Leibe getrennt, dein trauriger Schatten umherschwebt
So dass grässliches Dunkel des Chaos über die Erde
Breitet sich hin, auf dass Zeus selbst auch Kummer empfinde.
Steh ich des Nereus Tochter doch gleich an Ehre, da Zeus mir
Gab, zu erleuchten das All und der werdenden Dinge Vollendung;
Freilich für Nichts, da er selbst mein Licht nicht würdigt der Ehre.
Desshalb steig’ ich ins Dunkel hinab; mag er zum Olympos
Heben die Thetis, damit sie den Himmlischen leucht’ und den Menschen;
Nur nach dem traurigen Dunkel des Hades sehn’ ich mich jetzo,
Dass mein Licht nicht leuchte dem Unhold, der dich erschlagen“.
Sprachs, und es flössen die Tbränen herab von dem göttlichen Antlitz,
Ein fortquellender Strom; feucht ward um den Todten die dunkle
Erde; zugleich mit der Tochter, der theueren, theilte den Kummer
Auch die unsterbliche Nacht, und sämmtliche Sterne des Himmels
Hüllte sie ein in finstres Gewölk aus Liebe zu Eos.
Innig betrauerten aber der Stadt Einwohner den Memnon,
Sehnsucht fühlend nach ihm, wie des Königs eigene Krieger.
Gross war auch nicht die Freude der Danaer, die auf dem Schlachtfeld
Bei den erschlagenen Männern die Nacht durchwachten, indem sie
Jetzt den Achilleus priesen, den speerkampfkundigen, jetzo
Um den Antilochos weinten, in Schmerz abwechselnd und Freude.
Eos aber verhauchte die Nacht durch schmerzliche Klagen ;
Finsterniss hüllte sie ein; nicht kümmerte mehr sie des Tages
Anbruch, tief in dem Herzen verhasst war ihr der Olympos.
Neben ihr stöhnten am Wagen die schnellhineilenden Rosse,
Stampfend den Boden, der Ruh entwöhnt, und den Lauf zu beginnen
Yoller Begier, obwohl sie die Herrscherin sahen in Trauer.
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