Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Hrsg.]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 9.1899

Seite: 121
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Die Lyrik des Angelo Poliziano.

Yon

Karl Yossler.

Die litterarische Erbschaft, clie das Quattrocento vom voransgehenden
Jahrhundert überkommen hatte, war eine dreifache.

Mächtig ragte die gewaltige Tradition der italienischen Kunstlitte-
ratur ins neue Jahrhundert hertiber. Sie war das Ergebniss einer rapiden
Entwickelung, die in den Meisterwerken der „Drei Kronen von Florenz“
ihren Abschluss erreicht hatte. Dante’s göttliche Kommödie, Petrarca’s
Canzoniere uncl Boccaccio’s Decameron mussten von nun ab die grossen
unerreichten Muster bleiben. Der Trecentismus also ist das erste Teil
dieser Erbschaft.

Weniger augenfällig, aber umso lebensfähiger das zweite Element.
Es ist die Yolkspoesie, die wohl seit Jahrhunderten schon bestanden und
die Kunstlitteratur des Trecento mehrfach befruchtet hatte, aber jetzt
erst zu grösseren Ehren gelangen sollte.

Und endlich, stolz abseits prangte der junge Humanismus im
Gewande lateinischer Eloquenz.

Diese drei disparaten Kulturelemente (Trecentismus, Yolksdichtung
und Humanismus) aufgenommen, moclifiziert und weitergefördert zu haben,
das ist die That des 15. Jahrhunderts — aber sie alle zusammen end-
lich in der rauschenden Harmonie seiner Lyrik versöhnt zu haben, das
ist der Ruhm des grössten Kiinstlers jener Zeit: Angelo Ambrogini
Poliziano. r

Man wird sich kaum wundern dürfen, wenn diese Versöhnung ge-
racle in cler Lyrik zuerst zustande kam. Denn immer steht die Lyrik
am Anfang alles poetischen Schaffens. So ist clenn auch der erste Yor-
läufer Polizians ein ausgemachter Lyriker gewesen: Lionardo Giustiniani
(ca. 1388 — 1446), der Patrizier von Yenedig, der bei seinen ernsten
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