Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Hrsg.]
Neue Heidelberger Jahrbücher — 9.1899

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Karl Vossler

Staatsgeschäften und hei seiner Gelehrtenarbeit als Humanist noeh immer
Zeit und Stimmung fand, dem Yolksgesange der Lagunenstadt zu lauschen.
Er war Musiker und Dichter, griff die Motive des Volksliedes auf und
verlieh ihnen jene diskrete Eleganz, jene allerliebste Form, die zwischen
Dialekt und Schriftsprache eine glückliche Mitte hält. Seine Canzonetten,
Strambotte und Ballaten hahen ausser im Yenezianischen noch besonders
in der Toscana Aufnahme gefunden, und bei ihrer ausserordentlichen
Beliebtheit kann es keinem Zweifel unterliegen, dass manche davon
auch unserem Polizian ins Ohr geklungen haben, wann er durch die
Gassen von Elorenz wandelte, oder wrnnn er in lustiger Gesellschaft seine
Landpartieen machte. *)

Wenn so in Yenedig und in der Toscana die Volkspoesie nach auf-
wärts strebte, um mit der Kunstdichtung in Eühlung zu gelangen, so
vollzog sich in Süditalien ein umgekehrter Prozess. Am Hof der Ara-
gonesen zu Neapel, wo sich die italienische Lyrik unter Cariteo, Tebaldeo
und Serafino in bombastischer Nachahmung Petrarca’s ergieng und im
15. Jahrhundert schon zum Secentismus führte, hatte man für die Dich-
tung des Volkes weniger Geschmack.* 2) Statt dessen trat der kunst-
mässige Trecentismus mit antik klassischen Elementen in Yerbindung
und es entstand gegen Ende des Jahrbunderts das Idyll, das in der
vielbewunderten Arcadia des Sannazaro seinen vollkommensten Ausdruck
erreichte. Andererseits verschmähte es aber auch die neulateinische
Lyrik eines Pontano nicht, sich mit vulgärem und neapolitanischem
Colorit zu schmücken.

In Ferrara endlich, wo seit 1450 das Haus Este regierte, wurden
die Abenteuerromane der Bänkelsänger zu litterarischer Geltung er-
hobeu und hoffähig gemacht von keinem geringeren als dem Grafen
Matteo Maria Bojardo.

Kurz in ganz Italien ist man beflissen, bald auf diesem bald auf
jenem Weg die genannten drei Elemente mit einander zu verquicken.
Am vollkommensten konnte das aber doch nur in Florenz gelingen, in
der Heimat der italienischen Schriftsprache.

Als in der ersten Hälfte des Jahrhunderts das neuerstandene Latein
den Gebrauch der Vulgärsprache aus der Litteratur zu verdrängen
drohte, da war es vornehmlich das demokratische Florenz, das sich

D Kritisch hrsg. von B. Wiese, Poesie eclite ed inedite di Leonardo Giusti-
niani, Bologna 1883. Heft CXCIII der Scelta di curiositä letterarie.

2) Vgl. übrigens D’Ancona, la poesia popolare italiana, Livorno 1878. p. 132.
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