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Wilhelm Ehmann / Musikalische Briefe von A.F. J.Thihaut
Aus dem sinkenden Zeitalter der Aufklärung trat Anton Friedrich
Justus Thibaut (1772—1840) hinüber in eine neue Welt. An den schon
erblassenden Leitgedanken des universalen Jahrhunderts hatte er eine
Grundhaltung gewonnen, die durch die Vernunft gegründet, nach dem
Zweck gerichtet und von der Moral geleitet war. Ihre erprobten Regeln
befolgte er in Wissenschaft und Kunst, Leben und Lehre. Die neue ro-
mantische Gegenwart war mit den alten Maßen nicht zu messen; sie
mußte ihm „verzerrt“, „überreizt“ erscheinen. Und doch gaben seine
Leitsätze ihm die Möglichkeit, auch in dieser verwandelten Zeit ein an-
erkannter Gelehrter, ein gesuchter Lehrer, ein mitreißender Redner, ein
geschickter Politiker, ein warmer Mensch und Freund zu sein. In seinem
Wirken überlagern sich die Kräfte.
Das wird vor allem deutlich bei den Bemühungen um die Kunst: die
Musik kann in seinem geschlossenen Erscheinungsbild nicht fehlen. Der
Kunstliebhaber sagte gern: „Die Jurisprudenz ist mein Geschäft, mein
Musiksaal ist mein Tempel“. Die Musik führt in das Geheimnis seines
Wesens. Über die Musikarbeit und -auffassung Thibauts geben uns sein
Notennachlaß, seine Kampfschrift „Über die Reinheit der Tonkunst“ und
zahlreiche Zeugnisse der Zeitgenossen Aufschluß. Bei der persönlichen
Stellung, die er der Musik einräumte, erhalten seine persönlichen Brief-
äußerungen eine besondere Zeugniskraft. Die musikalischen Briefe ver-
mehren die musikalischen Quellen in eigener Weise. Thibaut verwies die
Musik in den „Tempel“ persönlicher „Gottesverehrung“, die Briefe in
das „Heiligthum der Freundschaft“. So verabscheute er die beliebten
Briefveröffentlichungen seiner Zeitgenossen als „Schaustellungen des
belorbeerten Ichs“. Um so wertvoller müssen die wenigen persönlichen
Aufzeichnungen erscheinen, die der Musik und der Freundschaft glei-
cherweise gewidmet sind, in denen sich die eigensten Empfindungen
treffen. Sie kreisen um den Kern des Menschen. Hier schließen sich das
„Heiligthum der Freundschaft“ und der „Tempel der Musik" gleichsam
zu einem Raum zusammen. Aus diesen Blättern spricht Thibauts Musik-
anschauung am beredtesten.
Darüber hinaus werden die Briefe zur Quelle für die musikalische
Restaurationsbewegung des verflossenen Jahrhunderts. In ihr hat Thi-
 
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