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Felder, Ekkehard [Editor]; Bär, Jochen A. [Editor]; Universitäts-Gesellschaft <Heidelberg> [Editor]
Heidelberger Jahrbücher: Sprache — Berlin, Heidelberg, 53.2009

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Riecke, Jörg: Sprachgeschichte trifft Medizingeschichte
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https://doi.org/10.11588/diglit.11275#0121
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io8

Jorg Riecke

Dichter herangezogen wird, das noch die Gegenwart beleuchtet - oder fur
den Verlust eben dieses Niveaus in einer weniger poetischen Wirklichkeit des
19. Jahrhunderts. Die mittelalterlichen Gebrauchstexte wie Urkunden und Arz-
neibiicher finden in diesem Konzept zunachst kaum Beachtung. Es dauert bis
in die Mitte des 20. Jahrhunderts, bis Gerhard Eis, als friiher Vertreter des „New
Historicism" ausgehend von seinem Heidelberger Wirkungsort, die - litera-
turwissenschaftliche und volkskundliche, noch nicht sprachwissenschaftliche
- Erforschung der alteren Fachprosa in der Germanistik etablieren kann.1

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass es nicht mehr langer nur die Tex-
te des Mittelalters sind, die heutigen Lesern durch sprachliche Erlauterungen
verstandlich gemacht werden miissen.Zentrale Schriften des 17. bis 19. Jahrhun-
derts, gelegentlich sogar Texte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts sind durch
den verwendeten Wortschatz, durch regionale und stilistische Eigenheiten,
nicht zuletzt aber auch durch ihre komplexe sprachliche Struktur erklarungs-
bediirftig. Der Weg von der Edition bis zum Verstandnis eines schwierigen Tex-
tes wird am Beispiel des „Quinarius" von Quirinus Kuhlmann (1680) in einem
Arbeitsbuch zur historischen Textanalyse exemplarisch vorgefuhrt (Riecke,
Hunecke 2004). Aber ob es sich um die Hauptwerke der klassischen deutschen
Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts2 oder um die Leidens-Chronik der in
das nationalsozialistische Getto Lodz/Litzmannstadt deportierten deutschen
und polnischen Juden der Jahre 1941 bis 1944 handelt (Riecke 2007c): Ohne
verstandnissichernde sprachliche Erklarungen durch professionelle Sprach-
historiker sollte keine moderne Textausgabe ausgeliefert werden.

Die rasante Entwicklung der deutschen Sprache hat heute dazu gefuhrt,
dass der sprachliche Abstand zu alteren Texten sehr viel spiirbarer ist als noch
vor einigen Jahrzehnten. Die philologische Aufgabe, mit der die Germanistik
um 1800 in den Kreis der Wissenschaften eingetreten ist, hat daher eine iiber-
raschend neue - nun allerdings nicht mehr nationalphilologische - Aktualitat
gewonnen. Im Bereich der Medizingeschichte ist der Nachholbedarf an Editio-
nen und Erlauterungen alterer Texte jedoch noch immer so groE, dass die Er-
schlieEung und Verstandlichmachung auch nur der wichtigsten medizinischen
Texte des Mittelalters und der fruhen Neuzeit noch immer viele Jahrzehnte in
Anspruch nehmen wird.

Zusammenfassend lasst sich sagen, dass es nach wie vor die erste Aufgabe
der historischen Sprachwissenschaft ist, Texte zu edieren und deren sprach-
lichen Sinn durch Worterklarungen, gestiitzt durch die Herstellung von Wor-
terbiichern, zu erschlieften. Nur auf dieser Grundlage konnen dann weiterfiih-

1 Einen guten Uberblick iiber die Anfange der Fachprosaforschung bietet die Festschrift zum
60. Geburtstag Gerhard Eis' (Keil 1968).

2 Zur Verstandlichkeit dieser Texte, insbesondere fur heutige Schiiler und Studenten, vergleiche
Riecke (2007b: 45-51). Zum im Entstehen begriffenen Worterbuch der klassischen deutschen
Literatur, das in Zusammenarbeit mit dem Germanistischen Seminar der Universitat Heidel-
berg erarbeitet wird, vergleiche Bruckner und Knoop (2003: 62-86).
 
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