Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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M 1S1


Mittwoch, 1. Zult

ZnsertionSgebStzren für^ 3spaMge Petit-

18«3.

Bestelluugen auf die „Heidelberger
Zeitung" «ebst Beilage „Heidelber-
ger Familienblätter" für das mit 1.
Jstli 1883 beginnende 3. Quartal
werden fortwährend angenommen.

Die Expedition.

* Politische Umschau.

^zLaut Anzeige de« Vorstandes des deutschen
Schützenbundes sind dem Bunde im Mai 410
neue Mitglieder aus 55 Stävte» beigetreten.

Jn Berlin hat sich ein Vercin für Wahrung
der versaffungSmäßigen Preßfreiheit in Preu-
ßen gebildet, welcher den Zweck hat, die durch
die Verfaffung garantirte Preßsreiheit inner«
halb der gesetzlichen Schranken mit allen ge-
setzlichen Mitteln zu wahren und zu üben.
Mitgliedsbeilrag mindestenS einen Thaler, wo-
für die Mitglieder die Druckschrislen des Ver-
eins unciitgeldlich empsangen. Jnsbesondere
' soü die.lodlgeschlagcne periodische Prcffe durch
Flugschriflen und Broschüren ersetzt werden.
So lange als möglich werden die Druckschrif«
len in Preußen selbst gedruckt werden; eincn
Theil derselben wird der AuSschuß selbst her«
vorrusen, dcn andern von ven Vcrlegern,
wclchc sich mit Flugschristen-Literalur beschäs-
tigen, ankaufen. Dic Verwallung seiner Än-
gelegeiiheiten überträgt der Verein auf ein
Jahr einem Ausschuffe, bestehcnd auö Pros.
Dr. Gneist, Fabrikbesitzer B. Liebermaun, Dr.
Löwe, Profeffor Dr. Mommsen, Commercien-
rath Reichenheim, Buchhändler G. Reimer,
Stadtrath Runge, KreiSrichter v. d. Schulze
und Buchhändler Dr. Veit, welcher über die
Geldmittcl des Vcreins zu den VereinsauS-
gaben frci verfügt, die einzelncn Functionen
unter scine Mitglieder selbst verthcilt und nach
Ablaus dcs Zahres einer vom Verein zu wäh-
lenden Commission darüber Rcchnung legt,
auch dic Bejugniß hat: 1) sich nach Bedürs.
uiß burch Cooptation auS dcr Reihe bcr Mit-
glieder zu verstärken, 2) den Sitz des Vercins
von Berlin an einen andern Ort zu verlegen.

Die preußischc Ncgierung geht setzt gegen
die Schützenfeste vor. Sie hat dic Erlaubniß
zur Abhaltung des Märkischen SchützensesteS
in Spandau verweigert. Das Organ des
Grafen Biömarck bemerkt dazu: „Einzelne
Blätter finden eine Jnconsequenz barin, daß
die Erlaubniß hicr nicht ertheilt würde, wäh-
rend das Schützenfest iu Liegnitz auf keine
Hinderniffe von dieser Seite gestoßen ist. Man
vergißt aber, daß am letzteren Orte eS dje
alten Corporationcn oder Gilden sind, die in

dem besonderen, dem Schützenwesen, wie cs
seit Jahrhuuderten bestanden hat, eigenthüm-
lichen Gesste die alten Zusaminenkünfte feiern,
während das Märkische Provinzialschützenfest
von den modernen deutschen Schützen ausgeht,
die ihren Tendenzen aus dem allgemeinen deut-
schen Feste des vorigen Jahres einen unzwei»
deutige« Ausdruck gegeben haben.

Jn dem neuesten Verzeichnissc der von der
Jndercongregation in Rom verbotenen Bücher
fignriren auch „sämmtliche Romane vön Alcran-
der Dumas."

Dem russischen Consul in Genua, welcher
die Nummern der auS der Casse der königl.
Schaß-Commission zu Warschau entwendeten
polnischen Psandbriese in dcn Zeitungen ver-
öffentlichen ließ, ist ein Drohbrief zugegangen,
wvrin dem Consul bedeutet wird, seine Aus-
drücke mehr abzuwägen, wenn er nicht mit
dem gehcimen Tribunal der polnischen Natio«
nalregierung, deren Amt weiter reicht, als er
(der Cvnsul) denke, in Constict gerathen wolle.

„Mem. diplomaiique" sagt, eS könne zu sei-
ner Freude meldeii, daß bie Annahme der Vor-
schläge der drei Mächtc gcsichert scheine. DaS
Cabinet von Petersburg habe sich in ciner mo-
tivirten Nvte nur einige leichte Modificationen
vorbehalten, schon darum, um seinen Entschlüs-
sen ben Character der Freiwiüigkeit zu wah-
ren; auch verlange Rußland, daß die Confe-
renzen in Petersburg abgehalten werdcn sollen.
Napoleon habe erklärt, er werde sich der Ma-
jvrität der acht bei den Conferenzen bctheilig»
ten Mächte in Wahl des Orts anschließcn;
man glaube, daß Brüffel schließlich gcwählt
werben würde.

„Morningpost" will die Bedingungen ken-
ncn, unter welcheii die polnische National-
regierung in cinen Waffenstillstand willigcn
würde: es müßte derselbc aus alle polnischett
Provinzen, die von 1772 zu Polen gehörten,
ausgedehnt, ein Bevvllmächtigter dcr National-
regieruiig zu den Confcreiljen gezogen, ein
Landtag auS Dcputirtcn aller alt poinischen
Provinzcn berufen und unter die Garantir
EuropaS, sowie der Nationalarmee, welche die
Grenzen zu besetzen hätke, gestellt wcrden.

Jn Volhpnicn ist den Beamten bci Sirafe
der Dienstentlaffung verboten worden, im
Dienste polnisch zu sprechen; es wurde ferner
angeordnet, daß bci den Aemtern und Gerich-
len nur in russischcr Sprachc verhandclt wer-
ben dürfe. Die Beamten der polnischen Bank,
welchc aus Besehl der Natioiialregierung dcr-
selben die Psandbriese der Bank ausgeliesert
haben, sind in Schweden angckommen.

Die Öpin. nation. veröffcntlicht eine Art
Kundmachung, welche der polnische Ausschuß
in Paris im Auftrage der Warschauer Natio-
nalregierung an dic Völker Europas gerichtet.
Sie ist im leidenschaftlichsten Tone abgefaßt,
und es mag u. A. nachstehende Stelle als Be-
weis für dic Schwierigkeiten dienen, die sich
dcm Zustandekommen eines WaffenstillstandeS
und einer beschwichtigenden Löjung auf diplo-

matischtm Wege entgegenstellkn.„Polen

bedarf mehr alS unfruchtbarer Wünsche. ES
vertheidigt seinen Glauben und seinen Heerd,
es fordert scine Freiheit und Unabhängigkeit
zurück und wird den Kampf nicht eher einstel-
len, als bis es scine Grenzen von 1772 wie-
der crobert haben wird....!"

Deutschland

Karlsruhe, 28. Juni. Ucber ven in der
ersten Kammer bereits berathenen GesetzcS-
entwurs, wonach anch die Arbeitshausstrafe
bei Männern in Einzelhaft vollzogen werden
soü, hat Beck in der zweiten Kammer Bericht
erstattct. Die Commission bcantragt, dem Ge-
setzesentwurf zuzustimmen, nicht aber auch
dem von der erften Kammer als Art. 5 cin-
gefügtcn Zusatz (Ausdehuung der Einzelhaft
auch auf weibliche Sträflinge), dagegen die
Erklärung zu Protocoll zu geben, Großh. Re-
gierung möge unter Berückstchtigung der im
Eomuiisflvnsbericht gegcbe'nen Andeutungen über
Anwendung der Einzelhaft aus weibliche Straf-
gefangcne die nöthig erachteten Vorlagen an
die Stände bringen.

Mannheim, 29. Juni. Se. Königliche
Hoheit der Großherzog haben gestern Abend
die Theatervorstellung mit Höchstihrcm Besuch
beehrt und stnd um 10'/, Uhr mittelst Ertra-
zugö »ach Karlsruhe zurückgckchrt. Man rech-
nck dic Zahl der gestern hier anweftnd gewe-
senen Fremven auf mehr alS 30,000.

— Mannheim, 29. Juni. Jch muß anS
mehr als einem Grunde darauf verzichten,
Zhncn eine in das Einzelne gchende Beschrei-
bung der gestrigen Eröffnung unseres Festes,
sowie auch der noch bevorstehenden Festkagc
zu geben, und ich glaube dadurch Zhrem eige-
nen Wunsche zu cntsprechen, weil Sie voraus-
flchtlich nicht Alles benutzen können, was einem
Mannheimer merkwürdig und intereffant er-
scheincn mag. Rur Einiges, was zur allge-
meincn Signatur des Fcstes gehört und dem-
selben eine charakteristische Eigenthamlichkeit
gibt, will ich hcrvorheben. Dazu gehött vor
Allem dic wohlwollende, dem edelsten deutschen

Das Sängerfest in Strnßburg.

Straßburg, 22. Auni. Em erwünschter Gast,
wclcher bcim ersten Tag des Elsäsfischen Sänger-
sestes zum allgemetnen Bcdaucrn ausgcblicben war,
erschien gestcrn, am zweiten Tage: dic Sonnc. Eine
Artillcriesalve künbigtc diesen zwciten Festtag an;
um 6 Uhr Morgcns wurden Musikstücke auf dcr
Platform des MünsterS ausgeführt. Um 7 Uhr
große Frühmeffc mit Gesang im Münster. llm
hald 8 llhr versammclten fich dic Vorstände der
Vereine oes SängerbundeS tn etnem Saale des
StadthauscS, um über die Angelcgenhetten des
BundeS zu berathen. Um 9 llhr Wcttsingen dcr
elsässischcn Harmonic- und Fanfarcn-Gesellschaften.
Um Mittag »ercintgtc man sich zum Festzug, wel-
cher fich um halb 1 llhr tn Bewegung setztc. Die
Reihenfolgc der Vereine war durch daS LooS bc-
zeichnet «orden. Gendarmcn und Lanciers in
großer Uniform, dic Sappeurs, Trommler und
Musik eines Jnfanterieregiments eröffneten dicsen
wahrhaft großartigen Zug. Dann kamen die pracht-

vollcn Banncr dcr Stadt und dcs Sängerbundcs,
die Ausschüffc, drei Gcsangvcrcine von Straßburg,
Abvrdnungen dcr Harmonie von Zürich, dcS Lte-
derkranzeS von Friedberg, dcs Sängcrbundes von
WormS und des Liederkranzcs von Weimar mit
großer schwarz-roth-goldener Fahne, der Liederkranz
von Achern, die Loncördia von Neustadt, Vereinc
aus dcm Elsaß, von Frciburg, der Singvercin
von Lahr, Licdcrkranz von KarlSruhe, Aurelia
von Badcn, Männcrgcsangverein von Kehl, der
Männerchor von Basel, der Cäcilienvercin von
Mainz, Singvcreine von Durlach und Gcrnsbach,
Liedertafel von Speycr, Sängerkranz «on Pforz-
hcim, Lhoralveretn vo» KarlSruhe, Eintracht von
Bretten, Sängerbund von Lichtenau, Liederkranz
von Heidelbcrg rc., dazwischen eine Menge elsäßi-
scher und franzöfischer Vereine, sämmtlich mit
prachtvvllen Bannern, BLndern und Kränzen, im
Ganzen 117 Vereine, «orunter 16 Musikkorps und
Fanfaren. Diescr prachtvolle Zug, «elchcn eine
Abthcilung Gendarmcn und LancierS zu Pfcrd
schloffen, durchfchnitt majestätisch dic gcfchmückten
Straßen inmitten ciner zahlloscn, jubelnden Men-
schenmenge, u»d übcrall wurden Len Züngern und

Meistern der edlen Tonkunst Blumcn und Kränze
zugeworfen. Auf dem Platze angckommen, stcllten
sich die Vereine tm Halbkreise an dcr Vortreppe
des reich vcrzierten Rathhauses auf und wurden
vom Vorstand des Sängerbundcs den Behördcn
vvrgestellt. Der Matre hielt eine Ansprachc, worin
er dic SLnger herzlich willkommcn hieß undWünsche
sür die stctc Fortdauer ihreS BundeS, wie auch der
gutnachbarlichen Bczichungen mit den Schwcizern
ausdrückte. Hierauf wurde dcr allgemcine Chor:
„Lic Eintracht", von sämmtlichcn Sängern ange-
sttmmt. Dic Wirkung war eine erhebende und
crgrctfende und rief einen Bcifallssturm hcrvor.
Dann spielten mehrere Mnsikkorps das ksrtsnt
xour is 8)-rie, worauf man in die Festhalle zog,
wo das große Vocalconcert gegen 4 llhr stattfand
und vollkommcn gelang. Näch Beendigung dcffel-
bcn würden auf dcr Vortrcppe dcS Rathhauses die
Medaillen an die Bcretne ausgctheilt, di« Vor-
mittags «cttgesungcn hatten. tlm 7 Nhr fand ein
officiclles Banket im Gasthof zur Stadt Paris statt,
präsidirt vom Präfckten, der Berlioz und Kücken
znr Seite hatte. llnterdcffcn wurde die Stadt
thcilwcise beleuchtet, bengalischc Kcuer auf dcm
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