Heidelberger Zeitung — 1863 (Juli bis Dezember)

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N» 233. Lonntag, ». Oetober L8S3.

Befkellungen auf die „Heidelberger
Zeitung" nebst Beilage „Heidelber-
ger Familienviätter" für das mit 1.
October 1863 begvnnene Ä. Quartal
werden fortwährend angenommen.

Die Expedition.

* Polttische Umschau.

Dic Äreuzzeltung glaubt zu wiffen, daß ent-
spkechende Änweisungen bczüglich der Wahlen
ia allen Refforts ergangen sind; mit besonde-
rer Befriedigung hören wir, daß auch im
Reffort der Justizverwaltung mit der Anwen-
dung der Befugniffe, welche der Negierung in
Bezug auf PersouaUen zustehen, voller Ge-
brauch gcmacht werden soll."

Der Krouprinz und die Kronprinzeffin von
Preußen sinb in Londou eingeiroffen und nach
kürzercm Aufenthalt nach Schottland weiter
gereist.

Die „Opinion nationale" verlangt heute in
ver polnischen Fragc den Krieg; der Nach-
folger NapoleonS 1. soüe den von Rußland
,hm hiugeworfenen Hanvschuh aufheben. Nach
ver „Prcffe" wird die französische Regierung
nichl ctwa ein Manifest an Europa, sondern
ein Circular an ihre Verlretcr im Auslande
erlaffen, worin gesagl werde, daß Frankreich
unv England sich fernerhin nicht mehr durch
vie Vcrträge von 18l5 bezüglich ber Rechle
Rußlands auf Polen gebunven erachlen.

Genekal Duprö soll vie Absendung von
5000 Mann uach Madagascar verlangt haben.

Deutschland

Karlsruhe» 30. Septbr. Eine gestrige
Versammlung ves Rationalvereins nahm fol-
gende Erklärung eiumüthig an: «Wir halten
an ber Rcichsverfaffung vom 28. März 1849
fest, stellen vem in der Reformacte beibehalte-
nen Slaatenbunv ven Buuvesstaai, alS die
einzrge Bürgschaft eineS mächtigkii, freien und
wahrhafl geeignett» DeuifchlandS, entgegen
und protestiren gegen seve Oclrvpirung einer
Bundesverfaffung. — Zm Hinblick auf die
Unsicherheil ver Welilage halten wir cS für
vringend nolhwcnvig, in de» Einzelstaaten eine
dcr Reichsverfaffung (K. 137) cntfprechende
Uingestaltung ves Hecrwcfens unv vie Ein-
führnng deö Vvlksheerjpstcmö aiizustieben."

Baden, 29. Sepibr. Es hai stch ga»z
kürzlich lii uuscrer Slavt eine cigenthümliche
ActlengeseUschafk gebilvet, vic es sich zur Auf-
gabe gestelll hat, Sladt- unv Lauvgemeinbeii,

Landhäuser, Pri'vatwohnungen, Fabriken mit
gutem Lrinkwaffer zu versehen. Für Leitung
des technischen Theils des Unternehmens hat
die Gesellschafl eine ausgezeichnete Acquisttion
gemachl, indein es ihr gelungcn, hierfür den
Bergingenieur Hepoch in Wien zu gewinnen,
einen Tcchniker, der sich selt einer kurzen Reihe
von Zahren einen großen Ruf als Wafferfinder
erworben, und der in zahlreichen Fällen reiche
Quellen in Gegenden erschloß, die bis dahin
als völlig wafferarm gegolten.

Munchen, 30. Septbr. Jn den bciden
Kammern wurbe heute zu gleicher Zeit die
Sitzung ervffiiet. Jn der Reichsrathskammer
verlas ver Minister des Jnnern v. Neumayr
das königl. Rescript, welches den Landtag biS
auf weiteres vertagt und die Gesetzgebungs-
ausschüffe zur Berathung des Civilproceßge-
setzentwurfs ic. zum 4. Januar 1864 »ach
München beruft. Der erste Präsident, Frhr.
v. Stauffenberg, richtete sodann einige dankende
Worle an die Reichörälhe, welche von dem
Prinzen Adalbert von Bapern, dem ersten
Präsiventen, «rwievert wiirden. Die Kammer
trennte stch mit dreifachvn lebhaften Hoch auf
den Kvnig. — Zn der Abgeordnktknkammer
wurden uoch einige kleine Geschäfle erledigt,
dann verlas der Minister des Jnnern daö
vben erwährte VertagungS-, beziehungsweise
Einberufungsrescript, und der zweite Präsident
Dr. Pözl gab eine Uebersicht der erledigteiz„
Geschäfte, warf einen Blick auf die bisherige
Thätigkeit der Kammer überhaupt, dann einen
Blick auf bie Aufgaben der Zukunft für das
engere unv wcitere. Vaterlanv unb schloß mit
einem dreifächen'Hvch auf den Kvnig, in daS
die Kammer begeistert einstimmte, die Sitzung.
^ ' ^"6- Zlg-)

Munchen, 1. Oclbr. Die „Zsarzeitung"
bringt ben solgenden Aufruf: „Dcr Sieg bei
Leipzig, erkämpft von dem nach langer un-
heilvoller Spaltmig endlich wieder zum inni-
gen opferfreudigen Bunde vereinigken Volke,
brach das Zoch der Fremdhcrrschaft und gab
bem Vaterlande die Seldstständigkeil, die Frei-
heit wieder. Die fünfzigjahrige Erinnerung
der Befreiungsschlacht am 48. Octbr. selbst
gemeinsam zu feiern, und was dem Vaterlande
heute nvlh lhut, zu besprechen, lag vor Allem
Denen nahe, welche für 'Lie unabweisbar ge-
wsrvene Reform der deulfchen Verfaffung ein-
trelcn und vabei als obersten Grunvsatz fest-
halten: „Erhaltung ber volle» Zntcgrität
Deutschlanbö und Bekämpfung jedes Bestre-
bens, welches die Auöschließung irgend eines
Lheiles von Deutschland zum Zwecke ober zur

Folge hätte." Der Verwirklichung jenes Ge-
dankens an jenem ewig ruhmvoüen Tage selbst
abcr tritt die Thatsache entgcgen, daß die Zu-
belfeier der Leipziger Schlacht eine so allge-
meine in alleu Gauen des deutschen Vater-
landes sein wird, daß die Meisten an diesem
Tage nicht in ber Heimath werden ffehlen
wollen. Jndem wir dcöhalb, anknüpsend an
die gesammten deutschen Erinnerungsfeste des
großen BefreiungskampfeS, einen späteren Tag
wählen, laden wir nicht nur die Mitglieder
unseres Vereins, sondern auch jene aller an-
dern großdeutschen Vereine und alle Freunde
der gesanlllit-deulschen Reformbestrebungen zu
eincr allgemeinen Versammlung der gesammten
großdeutschen Partci auf den 28. Oct. I. I.
nach Frankfurt am Main hiemit eiu. Die all-
gemeinc Versammlung wird der Bcsprechung
der gegrnwärtigcn Lage des Gesammtvater-
landes, insbesondere ver dur^h einmüthiges
Zusammenwirken deutscher Fürsten und sreier
Städie geschaffekien Grundlagc einer gemein-
samen Bundesreform gewivmet sein. An diese
Versammlung wird sich eine solche der Mit-
glieder deö deutschen ResormvereinS bchufs
der Besprechung der besonderen Angelegenhei-
tcn deSselbcn, namentlich der Wahl deS AuS-
schuffes für das nächste Jahr anschließen, »peß-
halb wir die Mitglieder bittcn, flch gefälligst
mit ihren Legitimationskarten versehen zu
wollen. Wv und von welchem Tage an die
Eintrittskarten zu der Generalversammlung üi
Frankfurt a. M. in Empsang genommen wer-
den können, wird seiner Zeit besonders de-
kaunt gemacht werden. Der AuSschuß dcs
deütschen Reformvereins. Zm Ramen deSsel-
ben: v. Lerchenfeld: v. Wpdenbrugk."

München, 1. Oct. Bon den Vorschlägen,
welche Oesterreich. auf der hier in der nächsten
Woche zusammentretenben Sonder-Zollconferenz
stellen wird, ist hier nur soviel bekannt, daß
dieselben ven Abschluß eines neuen beutsch-
österreichischen Handelsvertrags mit Frankreich
an Stelle veS preußisch-französischen Handels-
vertrags ermvglichen sollen. Dies soll gesche-
hen durch die Einführung eincs gemeinschaft«
lichen Grenzzolltarifö von meist so niedrigen
Sätzen, als der preußisch-franzvstsche Vertrag
einführt; nur in Betreff einer Reihe von Ar-
tikeln, als Metallwaaren, Gcspinnsten und
Geweben, Zucker rc., soll den Forderungen der
Schutzzöllner nachgegeben werden, und sür dic-
selben ein Zwischenzoll an der deutsch-öster-
reichischen Grenze erhoben werdcn. —Die Ver-
sammlung katholischer Gelehrten hat beschlos-
sen, sich periodisch zu versammeln (N.F.Z.)

O Stadt-Theater in Heidelberg.

Freitag, ven 2. Oclober. Die zweite Probe-
voritellung brachte unS zum erstcn Male: Zm
Vorzimmer Sr.Erccllenz, Lharakterbilv von
Ruvolph Hahn. Es isl dieses, so oicl «ir wiffen,
rin für Theodor Döring -igcnS geschricbencs Pa- !
radesrück, in welchem -r Gclegcnheit hat, die. ihm
vorzugswkise verliihene Kunsr der Detailmalerei !
mit besonderem Erfolgc auSzuüben. Er soll auch !
aus bem guten Eoplsten Zercmias Ehrgott '
Knabc riu licbenswürdigcS kleincS Genrebild ge-
fchaffc» haben, und trotzdem bcurtheiltc vic Bcr- s
liner Kritik das Siückchen dahin, daß es nur bei !
ganz auSgezeichneter Besetzung der HauptroUc ge-
nießbar ftin' dürfte, und so verhäit es sich auch.
Das Sujet ist sehr einfach. Ein aiter Eopisk, der
ftit 47 Jahren b-i einem Kreisgericht in der Pro-
vinz bcschäftigt war, fucht beim Ministtr um defi-
nitive Anstellung als Kanzleischreiber an, damit
ftin braves Weib Ansprnche auf eiire Pension habe,
wenn er sterbe. Dcr Minister legt das Gesuch bei
Skite, wcil der Pittsteller zu alt ist, und ter arme

alte Knabe will halb verzweifeit ftine Rückreise
anirctcn, da erkennt er in der Gouvernanie der
ministerlichcn Kindcr ein jungcs Madchen, deffen
er einst ftibsl sich angcnommen hatte, und die jctzt
vcrspricht, dcm Pfiegevater die altt Schuld heim-
zuzahlen, er soll nicht mehr darben dürsen. Wenn
wir sagen svllen, was uns in dem Stückchen gestel,
so war rs Ler Schluß. Wir wollen damit keine
maliliöft Bcmerkung gemacht habcn. Wir metnen
nur, es ser cin Zelchen dcs allmälig um sich grei-
fenden Rechtsbewußtseins, daß Marie zuletzt dcn
Pflcgkbater aus cigencn Miiteln.unierstützt. Jn
srühercr Zeit hätte Knabe durch Vermittlung Ma-
ricns die Stelle bckommen, die der Zufchauer ihm
freilich gönnt, aber doch der Mctnung fich nicht
»erschließcn kann, der Mrnistcr habe eigcntlich Rccht
mit ftiner Bleistiftnotiz: Ȋ -rctn, weil zu alt.
Das geht, scheint es, hent zu Tage doch »tcht
mehr — auf dcr Bühne. Herr Podesta gab sich
vffenbar Mühe mit seincm Copisten., allein dazu
scheint denn doch einc, wic ich oben anführic, ganz
besondere Gestaltungsfahigkeit, um dem Stückchen
Leben beizubringcn. Unkr den Rebenpersoncn fpieltc
Hr. Hofsmann den Hofmann aus dem ff. Eiwas

mehr pisno könnte ntcht schaden. — DaS zweite
Stiickchen deS Abends «ar Doctor und Friseur,
Vaudeville in 3 Akten von Kaiser. Wir haben
das tolle Ding schon »ft gcschen, aber noch selten
so gelacht, wie ber dieser Aufführung. Herr Del-
cliseur war bei seitener Laune und Fränlein L.
Schwarzenberger stand ihm vortrefstich bei. Sie
gehört ficher zu den'gewandtesttn Soubrettcn, welche
wir hier besaßen, und wenn ich hinzufüge, datz
ncben^ihr Fräuieiii Schäfcr noch reichen Beifall
crntete, und daß auch für Fräulein Meyeb noch
eiwas ditto abstcl, so schltcßt dicfts das Lvb un-
ftrer drei Soubretten gar angenehm für dcn Zn-
schaucr ab. Fraulein Schwarzenbergcr lcgtc
dcn Baccio von Arditt cin. Er wird nachgerade
so unvermeidlich, wie in einer unftrer Erinnerung
freilich entrückten Zeit ftin gerades Gegentheil, d-r
Webcr'sche Jungfernkranz. Zndessen das Pnblikum
klatscht Beifall, und «ir fügen uns der Majorität,
indem wir unsere abweichende Meinung zn Proto-
koll crklären. Hsrr Hurler war ein recht ergötz-
licher Forstschrelber und machtt besondcrs in dcr
bewaffncten Scene einen so lächcrlichen Eindruck,
wie er nur soüte.
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