Heidelberger Zeitung — 1864 (Juli bis Dezember)

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Wien, 14. Novbr. Die Eltern des wegen
Hochvcrraths verurlheittcn jnngen Kober haben
dem Kaijer pcrsönlich ei» Gnadengcsuch über-
reichi. Ueber die Audicnz bcrichtet die „Weser-
Zeitung": Se. Majcstät habe dcm weinenden
Vatcr das Gnadcngcsuch auS der Hand genom-
mcn und gesagt: Jch begreife Jhren Schmcrz.
Beruhigen Sie sich. Jch werde die Acten
»ochmals einer rciflichcn Prüfnng nnterziehcn
und Mir darüber berichtcn lassen.

Einem Wicncr Bankhausc wurde am 12. d.
ein öfterreichisches Crcdiiloos an Zahlungs
Statt aus Marburg eingesandt. Bei genauerer
Durchsicht dcr Bücher stelltc es sich heraus, daß
daS Loos bereits vor zwei Jahrcn mil dem
Haupltreffcr gezogen worden ist.

Z r a » k r e i ch.

Paris, 13. Nov. Die „France" schreidt:
Die Familie des früheren Präfidenten von
Mexico, Zuarez, hat New-Orleans in den erstcn
Tagcn dcs Octvbcrs verlassen, um stch nach
Ncuyork zu bcgeben.

Paris, 14. Rov. Einer dem „Eonstitu-
tiounel" aus Turiu zugcgangcncn Nachricht
zufolge, wäre der erstc AnnäherungSschritt zwi-
jchen der päpstlichcn und der italienischen Re-
gicrung dadurch getha», daß auf Antrag dcr
crstcrn der Turiner Hof darauf cingangen jei,
für dcn Untcrhalt allcr im Kirchenstaate be-
findlichen Gefangenen und Galeerensträflinge
zn sorgen, die den jetzt dem Königreich einver-
leibten Provinzen angchören.

C n g l a » V

London. Von hier berichtet die „Englische
Correspondenz" nnterm 14. Novbr.: „Franz
Müller ist heute Morgen um 8 Uhr hingerichtel
worden. Alle Anstrengungen, welche der dcutsche
Rechtschutzvereiu zur Erlangung eines Aufschubö
aufgeboten, haben bci dem Staalssecretär Sir
George Grey NichtS gesruchtet. Das Comite
hat bis zur letzten Stunde in ununterbrochener
Sitzung noch neue Beweisstücke gesammelt, um
dic Unschuld des Unglücklichen darzuthun, und
andere Mitglieder waren auswärlö mil Nach-
forschungen beschäftigt. Zm Laufe deö gestrigen
Tages wurde noch eine Menge von Briefen
uud Mcmorandcn dem Miuisterium des Jnnern
zugesandt, und es ließen sich mehrere Deputa-
tionen anmelden. Sir G. Grey, obwohl einen
Theil dcs Tages hindurch anwesend, empfing
keine dcrselben. Wie der „Dtar" berichtet, hat
dcr Herzog von Sachsen-Koburg die Königin
telcgraphisch ersucht, die Bollstreckung des Ur-
theils aufschieben zu lasscn, und eine Lhnliche
Bitte soü von dem König von Prellßen einge-
troffen scin. Die von dem Staatssecretär er-
thetlte Antwort auf die Pclition war an den
Sachwalter Herrn Beard gerichtct. Auf seinem
letzten Gange begleitete den Verurtheilten Dr.
Cappel, deu Müller gebeten hatte, bis zum
letzten Augenblicke bei ihm auszuharren. Vor
dcm Gefängnißgebäude war ein Platz mit
Barrieren eingefriedigt, in dessen Mitte das
Schafsot errichtet war. Festen Schrittes näherte
sich Müller und eben so bestieg er das Gerüste.
Nachdem der Henker schon den Strick um den

sei unwahrscheinlich, denn es werbe sich dann schon !
eine schristliche Aufzeichnung vöm Verstorbenen vor- !
gesunden baben. Den Geschworenen brauche keine
hierauf bezügliche Frage vorgelegt zu werben. Für
Demme licgen milderndc Gründe' in seinem guten
Leumund und dem Lebenswandel Trümpy's. Für
FrauTrümpy liegen entschiedene Mtlderungsgründe
vor.

Furchlbare Verheerungen durch Zturm.
(Schluß.)

Aber es ist ferner kaum rin Häuschen in ganz
Calcutta, das ohne Schaeen blieb, während die
Hütten der Eingeborenen, besonders in ben Vor-
städteu, sast gänzlich niedergeworfen sind. Die Te-
iegrapbenlinien sind nack allen Ricktungen un-
terbrocken. Alle diese Verluste sind sckwer und
bkklagenswertb, aber yuf dem Strom hat der
Sturm erst seine schrecklichsten Wirkungen ausgeübt.
Noch herrscht die größtc Verwirrung, und man
weiß kaum, welcke Schiffe ganz verloren, welche
rettüngslos beschädigt uud welcke noch gut sind.
Der letzteren find es jtbenfalls nur wenige, viel-
leicht nicht mehr als ein halbeö Dutzenb warc im

s HKs geschlungen, wurde Müller von Dr. Cap-
pcl noch angeredet: „Ju wenigen Augenblicken
stehen Sie vor Gott; ich frage S>ie nochmals
und zum letzten Male, stnd Sie schuldig oder
unschuldig?" Müller antwortete: „Jch bin
unschuldig." Dr. Cappel: „Sie sind unschul-
dig?" — „Gott der Allmächtige weiß, was ich
gethan habe," erwiderte Müller. Dr. Cappel:
„Gott der Allmächtige weiß, was Sie gelhan
haben; weiß er. daß Sie diese besondere That
verübt haben?" Woraus Müller antwortete:
„Ja, ich habe es gethan." — Die Fallthüre
fiel, und der Verurtheilte verschied ohne Todes-
kampf.

London, 14. Nov. Die Londoner Blätter
fügen den Mittheilungen über Franz Müller's
Ende noch hinzu, er habe kurz vor der Exe-
cution nicht blos geäußert: „ich habc eS ge-
than," sondern auch noch hinzugesetzt: „ich
habe es allein gethan, ich habe keine Mitschul-
digen."

L ch w e » z.

Bern, 14. Nov. Dic baycrische Regierung
crklärt sich bereit, Hrn. v. Racowicz, welcher
Lassalle im Duell getödtet hat, auözuliesern,
sosern derjelbe auf ihrcm Gebicte arretirt wcrde
und sich nicht als bayerischer Bürger ausweise,

Z t a i i e »

Turin, 1S. Nov. Heute nahm der Mi-
nisterpräsident in der Sitzung dcr Deputirten-
kammcr nochmals das Wort, u,n scine neulich
gesprochenen Worte über die venetianische Frage
zu crläutern. Er sagte, er habe keine Drohmig
auösprechen, noch cinen Drnck ausübe», jon-
dcrn lediglich die Hoffnung kundgeben wollen,
dcr Kaiser von Oesterrcich könnte zu der Ueber-
zeugung gebracht werdcn, daß ihm wcdcr sein
Jnteresse, noch die militärische Ehre die Erhal-
lung VcneticnS bci Ocstcrreich vorschreiben. Er
bedaucrt jchr die Bewegung im Friaul und
erwähnt dann dcs Gcrüchtcs, cs ski einr weilere
GibiciSabtretung im Werk, mit dcr Bemerknng,
nie würdc Frankreich auf dicse Weise dic Ord-
nung und den Frieden Europa's bedrohcn
wollcn. Bezüglich dcr römiichcn Frage sagt cr,
man würdc Rom durch die Wirkungen dcs
Forlschritts, nichl aber duich Gewalt erhaltcn.
Nlan würde jetzt die Erfahrung machen, ob
die wcltliche Gewalt dcs Papstcs durch sich
sclbst bcstehcn könnc. Jtalien müsse zeigcn,
daß es den Papst in seinen Prüfungen nicht
bcunrnhigen wolle.

S p a » i e n

Madrid, 14. Nov., Abends. Die „Ma-
drider Zeilung" veröffentlicht ein Decret, durch
welches Admiral Pareza zum Oberbefehlshaber
des Gefchwaders deS stillcn Oceans ernannt
wird an Stelle des Admirals Pinzon, der zu-
rückberufen worden ist.

N u st l a n d.

Warschau, 10. Nov. Hcute Mittag 12
Uhr wurde, wie der „Dziennik" bcrichtet, die
ncue Sejsion der Allgemcinen Vcrsammlung
des Staaisraths dcs Königreichs Polen im

Roytrn, L^oCboo^ Vcspasian, Viüe ve St. Denis,

und der Hinvustan. Dcr Verlust an Menschcnlebcn
ist sichcr groß. Manche europäiscke Seeleutc sah
inau währcno vcs Stnrms aus Wrackstücken dcn
Stroin hliiab trcibeii. Ein Matrose Namenö Cleary
schwamm mit etnem Rettungsscil nach dcm itnkcn-
den Schiffe Govindpore uno rettele ackl von dcr
Mannschast vom Ertrinkcn. Manchc Schiffc waren
schon in Sichcrhcii gekommcn, als sie mit andern,
die vaher gctrieben kamen, ziisammcnstießeii und
mit thnen untergingen. Der Anbiick, den dic Schisse
ewährrn, ist unbeschrerblich. Es sind mindestrnS
UV Schiffe ans dcm Trvckneii, aüc zusammen in
veischlungenc Knäuet gedrückr, in unlöslichcr Vcr-
wtcklung. S-gclstaiigcii und Mastr hängcn dnrch-
cinanver in iedcr denkbaren Form, und das Ganzc
bietct cine Sccne graueiihastcr Zerstörung. Dcr
Verlust von Boeten aller Arten ist gleichsaüs un-
grheuer. Sicher find S von tU von der Sturmwclle

hiesigen königlichen Schlosse »om Statihalter,
Grasen Berg, durch nachstehende Rede in sran-
zöstsch-r sprache eröfsnct: „Meine Herren!
Jndem ich Sie Ivillkominen hciße, richte ich
mit Gcnugthuung Zhre Ausmerkjamkeit auf
die Fortschrilte, welche die Pacification des Lan-
des seit unserer ietzlen Versammlung gemacht
hat. Trotz der Erkennlniß dieser Wahrheit
dürfen wir unS jedoch nicht die Wichtigkcit der
Arbeitcn verhehlen, welche uns jetzl erwarten.
Eine weitverzweigte Verjchwörung und auf-
ständische Verjuche haben die Wohlsahrt aller
Klasfen der Bevölkerung angegrifsen. Die gegen-
wärtige Regierung des Königreichs ift bcrufen,
ein Gebäude wieder aufzurichten, welcheS er-
schüttcrt war, nm das Uebel zu verbefsern,
welches Polcn stch feldst zugefügt hat. Wir
werdeu alle Zwcige der Berwaltung umgestal-
teu müsscn. Jch crsuche Sic, mi! der Prü-
fung des BudgetS für 1865 Zhre Arbeiten zu
beginnen. Sie werdeu mit Bcfriedigung be-
mcrken, daß die Regierung unskres Landes zu
denjenigen in Europa gehöri, welche in stnan-
zieller Beziehung am wenigsten in Verlegcnheit
sind, trotz der außerordenllichen Verluste und
AuSgaben der Zahre 1863 und 1864. Jch
hege die sichere Hosfnung, daß cS uns gelingen
wird, binnen knrzer Zeit unsere Finanzen in
eine befriedigende Lage zurückznführen, und daß
wir auch in allen anderen Zweigen der Ver-
waliung mit demsclben Erfolge arbeiten werdcn."

Von der polnischen Grenze, 11. Nov.
Die Dcportationen uach Sibiricn uud dem
Znnereu RußlandS habeu in Warschau zwar
bedeutend uachgelassen, abcr immer noch. nicht
ganz aufgehört. Ansaugs dicscr Woche wurde
wieter cin Transport von 87 zur Zuternirung
im Znnern Rnßlanvs vcrurthcilten Zndividuen
nach Pckersburg abgeschickt, um von da weiter
»ach ihre» BestimmungSorten befördert zu wer-
Der in dcr Warschauer Citadellc zurückgeblie-
bcne Bestand an pvlitischen Gesangciien bcträgt
circa 450, doch wird dersctbe sast täglich durch
nene Zn- oder Avgänge vcrändert. Äuch in
den Provinzen bcftnocn jich noch üdcrall in
den Kreisstädien polilische Gefangencn-Depotö,
die von Zeii zu Zeir Cvnlingeiile au die War-
schaucr Citadclle adgeben. Die mcisten Ver-
haftungen werde» jetzt durch die AuSsageu ehe-
maliger Znsurgeuten veraulaßt, wclche dicjeni-
gen GutSbesitzcr angeben, dlc zur Zeit ves
Ausftanoes ihnen gastliche Ausnahme gewährt
oder Lcbensmittel in die Znsnrgenienlagcr ge-
liefert Haben. Am hänfigften kommen derar-
tige Verhastungen im Lubiin'schcn und Sando-
mir'jchcn vor, wo alle dicjcnigen Personen,
welche sich als gemeine Jnsurgentcn am Auf-
stande betheiligt haben, zwar nlcht dcr Kreiyeit
beranbt sind, aber strenge überwacht nnd zum
Verhör gczogen weroen.

A m e r i k a.

Eu: Privattelegramm aus Neuyork voM 4. d.
meldet, daß der conföderirte Kreuzer „Chicka-
manga" drei -Lchisfe inneryalb 70 Meilen von
Neuyork zerstört habe.

'A f r i k a

Jn der Rcgentschaft Tunis haben neuer-

begraben worden, welche dem Wechsel deS Winds
von Ost nach Süd folgte. In Serampore scheint
der Sturm ebenso gehaust zu haben, wie in Lal-
cutta unv scheint also nordwestliche Richtung ge-
nommen zu haben. (S. M.)

* Kalender-Literatur.

Unter den Kalendergaben, dic uns das en-
dende Iahr für das neue gebracht, wollen wir un-
sern Lesern alS eine der beachlenswerthesten, nach
Inhalr und Ausstattung gleich sehr gediegenen,
den Iubiläums-Iahrgang von Stefsens'
Volkskalender (Preis nur 12 Vr Sgr.) auf's
Wärmste empfehlen. Mit dem Bclehrenden wechselt
der unterhaltende Stoff in werthvollen Beiträgen
von Schulze-Delitzsch (üver das beutsche Ge-
nossenschaftöwesen), Brehm (Gedanken eines Thier-
kundigen), Ritter von Scherzer (Deutschland und
daS Kaiserreich Merico), Alb. Träger (Gedichte),
Brachvogel (Die Grcnzvefe), Rodenberg (Die
Dose dcs Commanbanten), Mar Ring (Der
Frcund im Sarge), Spielhagen (Wie Gotklieb
zu seinem Amte kam), Wallner (Der wandcrnde
üomödiant). Außcrdem finden sich noch verschiedene
andere Aussätze von Habicht, Heigel, Ruß,
Philipp, 1>r. Vogel und Anderen vrin vor, die
sämmtlich von dem eifrigen Streben der VerlagS-
handlung kundgeben: „vom Gutrn das Beste" zu
bringen.
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