Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Hvnneurs mit vollendetcr Distinction uno gra-
ziöser LiebenSwürdigkcit. Man iehe, daß sie
langere Zeit nicht vergedlich gelebt habe in der
Hauptstadt dcr modernen Cultur und Civili-
iation. ,,, »

Offe»bur„^ l. März. Der hentige Orte-
nauer Botc bringt an der Spitze seineS BlatteS
folgende, »on den achtbarsten Bewohnern Osfen-
burgS unterzeichnete „Verwahrung": „Ein nach
Form und Jnhalt gleich schamloser Ausrus
„An di- Katholiken" in der letzten Dienstags-
nummer de» Bad. BeobachterS schließt heuch-
lerijch mit dem Wahlspruche:

„AuSdauer in der gesetzlichen Arbeit für daS
Recht"

„Kein Friede ohne RechtSbesriedigung I"
Worin befteht jene gcsetzliche Arbeit für daS
ffRccht? Jn eincr von Frciburg auS planinäßig
MWezettelten, von s-natischen Geistlichen und
KiXtcn weltlichem Anhingscl im ganzen Lande
eisrig und mit allen Mitteln geschürten Agi-
tation gegen ein von der Regierung in voll-
kommener Ucbereinstimmung mit bciden Kam-
mern erlassenes Gesetzl Worin besteht jener
Fricde mit Rechtsbefriedigung? Jn der Ver-
tauschung aller nach langcn Kampfen mühsam
errungenen Segnungcn deS RechtSstaatS mit
Vcrsassung und birgerlichcr Freiheit gegcn die
mittelalterlichen Satzungen derPriesterherrschast
mit Encyclica und SpllabuS! Auch aus Of-
fcnburg läßt daS ehrcnwerthe Blatk jenen Auf-
ruf an die Katholikcn ergehen. Wir sragen
billig: Wer rief und wer soll folgen? AlS
nach dem ersten rvmischen Feldzuge in unserm
Lande dic Konvrnlion mit dem päpstlichen
Stuhle einen saulen Frrcdcn besicgelu sollte,
säumte die katholische Stadt Ofsenburg nicht,
dagegen nach Krästen zu protestiren und cbenso
war sie mit untcr den Ersten, welche den Sturz
der Konvenlion und die Gcjctzgebung vom
8 Oktobcr 18kl) jubelnd begrüßten. Auch die
kathol. Kirche zu Frciburg fügte sich, wenn
gleich ungerne, in da« Geschehenc; inSbesonderc
machte sich dieselbe alle Vortheile, die die neue
Gejetzgebung dcr katholischcn Kirche einräumtc,
trcsflich zu nutze. Erst als der Staat auch seiner
Seits jenc Gesctzgebung praktisch zu verwcrthen
sich anschickte, crtönte plötzlich daS alte Feld-
geschrei: „Die Religion ist in Gefahr!" von
Neuem und hestiger denn je wurden dic An-
grisfc aus den Staat und seine unbestreitbaren,
wahrlich maßvoll ausgeübten Gerechtsame. Kan-
zel, Schule, Presie, Vcrsammlungen — AlleS
speit Feuer und Flamme; denn eS gilt ja dem
Ur- und Erbfeinde aller Priesterherrschaft —
der Volkserziehnng. Von allen Sciten eilen die
altcn natürlichcn BundeSgenossen des Ultra-
montanismuS herbei — PietiSmus, Reaktion,
Bornirtheit und Charakterlosigkeit. Doch eS hat
den Anschein, als ob es auch diesmal dem,
wenn gleich »erstärkten Hcere der Finsterniß
nicht gelingen sollte, unser gut und behaglich
eingerichtetes StaatSgebäudc, um das unS
manche unserer Nachbarn beneiden, übcr den
Hausen zu werfen. BereitS hat der obcrste
Bauherr ein ernstes Wort gcsprochen nnd
Schmach den Mitarbeitern, Schmach allen Be-
wohnern, wclche den Muth oder gar den Willcn

nicht besitzen, ein theures Eigenthum mit Wort
und That zu schirmen. Auch wir wünjchen
nichtS sehnlicher, eincn Frieden, eincn Frieden
mit RechtSbcsricdigmig. Auch wir wünjchen,
daß der religiösen Ueberzcugung vom Staale
keine Gewalt angethan werde. Aber wo in aller
Welt ist dies auch bci unS geschehen? Ueberall,
sehr ost im Uebermaßc, hat unjcre langmüthigc
Rcgierung die wahren und vermeintlichen Nechte
dcr Kirche und ihrer gegenwärtigen Bertretcr
geachtct. Nicht der Kirche und der religiösen
Uebcrzeugung, dem Staate und seinem versas-
snngSmäßigen Bestande droht Gewalt, rohe
brutale Gewalt. Dic Weltgeschichte soll durch
einen Machtspruch der Hierarchie auf dcn Kops
gestellt, der menschlichen Gescllschaft sollen alle
stttlichen und geistigen Errungenschaften, die
ste doch vorzugSweije dem Christenthum ver-
dankt, unter dem lügnerischen Vorwande ihres
WidersprucheS mit Religion und Glaube wiedev
entrisscn wcrden. Einem solchen frevelhaften
Beginnen einer entarteten Kaste und ihrer stn-
stern Genossen entgegen zu treten, ist aber
nicht bloS Pflicht deS Rechtsstaates, sondern
auch, und zwar in nvch viel höhcrem Grade,
Pfiicht eineS jeden einzelnen BürgcrS. Jnsbe-
sonderc dürfte eS endlich an der Zeit sein, daß
die Katholiken eine solche, allem Rechte und
aller Sitte hohnsprechende Führung mit Ent-
rüstung von dcr Hand weisen. Die katholische
Hierarchie hat, eingedcnk alter christlichen
Satzung, seit langer Zeit zum ersten Male
wieder die Laien zur Bejprechung kirchlicher
Fragen herbeigerufen. Gut — auch wir folgen
dcm Rufe und fordern die Rechte zurück, die
man unS im Laufe der Zeit schnöde entwunden.
Wir wollen nicht länger inchr eine willenlose
Heerde sein, die ein sanatischcS Regiment mit
selbstsüchtiger Willkühr hin- und hergängelt.»
Auch die katholischen Laicn, und zwär alle,
nicht blos die auScrwählten römischen Bürger
und badischen Casinomänner, stnd Glicder der
katholischen Kirche, sind Christcn nach Bekennt-
niß und Leden. An diesc Katholiken» möchten
auch wir in ernster und nachdrücklicher Wcise
den Ausruf richten: „AuSdauer in der gesetz-
lichen Arbeit fiir das Rechtl" „Kein Friede
ohne Rcchtsbesriedigung!" Kampf, unabläsiiger
Kampf mit der finstcrn Macht, die, daS Jrr-
licht der selbstgeschasfcnen Rechtgläubigkeit für
GotteSwort ausgebend, um Vaterland und Men-
schenrechte uns betrügen möchte! Friede nur
mit einer Kirche, die, ihrer hohen Sendung
eingedenk, an der Vcrwirklichung d-r Grund-
sätze des wahrcn ChristenthumS mit dem Staate
wetteisert!" Ossenbnrg den 25. Februar 1885.

(Bad. Landztg.)

Leipzig, 24. Febr. Die Stadtverordneten
habcn in ihrer lctzten Sitzung beschlossen, der
bekannten Vorgänge halber, dem Pestalvzzisiift
all' und jede Unterstütznng vom letzten März
ab zu entziehen und die verwahrlosten Kinder
durch städttsche Lehrer erziehen zu lassen.

Rerlin, 1. MLrz. Die „Provincialcorre-
spondenz" resumirt die preußischen Fordcrun-
gcn dahin: Die Wehrkraft der Herzogthümer
muß mit der preußischen Armee nnd der preu-
ßischen Flotte innig verbunden und verschmol-

jetzt von allen Seiten Anfichten und Nrtheile übcr
die Art des Entstehens und vie verfehlte Manier,

steht jrdoch fest, daß fämmtlichc Mannschaftcn mit
Eifer und Aufopferung thättg waren, doch hattc
man nicht sofort daS Schlimmste bcfürchtet. Dcr
Hcrzog s-lbst hatte nicht einmal gewünjcht, daß
dcr Ball unterbrochcn wcrden solle; wie bätte also
die außerhalb des Schlosses bcfinbltchc Löschmann-
schaft cine Ahnung von der Größe der Gefahr
haben können! Wie schnell das Fcuer um fich griff,
bcwcist auch der Umstand, daß dic ganze Garde-
rvbe, die Wäsche uud die Bibltothek deS Hcrzogs
in wcnigen Minuteu von den Klammen verzehrt
war unb derselbe nach dcm Brandc an Kleidcrn
uichts besaß, alS waS er cben trng. Der Herzog
blteb fo lange -tm grvßen Saale, bis ciner der
Herren anS seiner llmgebung ihn darauf aufmerk-
kam machte, daß sein Verweilcn gefahrvoll fci, da
das Dach über dem Mittelbau bereits branute und
die darauf ruhende Quadrigagruppe den Einsturz
hcrbeiführen konnte. Hierauf trat der Herzog in
den Schloßhof, wo er bis nach zwölf Uhr Lem
Schausprele zusah. Heute wird bcrcitS mlt dem

Wcgräumen deS Schuttcs eifrig begonncn, an ein-
zclnen Stellen stcigt noch immer Ranch anf. Die
Ouadriga -stürzte zuerst nur bls in den großen
Saal, nnd erst um 4 llhr MorgenS brach das
Gcwölbe, so daß fie in dte Durchfuhrt des Mittcl-
banes zu liegen kam, wo man nun den Obcrkörper
d-r Brunonia hervvrragen fi-ht. Wo nun der
Herzog vorcrst Wohnung ncbmen wird, tst unge-
wiß, da weder Richmond noch das sogenannte Ve-
vcrn'sche Schloß hierfür längerc Zeit ausreicht.
Lcidcr -rsährt man, daß die Mobilien nicht ver-
fichert waren; daß das Gebäude sclbst nicht ver-
fichert ist, steht fest.

(Ein bartiger Säugltng.) Am Fuße dcs
Hoienwart, im Thale bcS Pnsterwald (Bezirk
Öberzciring) tst kürzlich -in Kind mil dichtem Dart
zur Wclt gckommen. Die Barthaare warcn lang
und steif und hat man, um daS unfreundliche
AuSseben des Kindes zu mildcrn, vor der heil.
Taufe den Bart abgeschoren. Wir würden dicser
Rachricht kcinen Glauben sckenken, sagt die T. P-,
wenn fie uns nicht von vollkommen glaubwürdiger
S-ite gemeldet würde.

zen, nicht blvß eine Militärconvention abge-
jchlvsien wcrden. Eiue solche innige Berbin-
dilng ist namentlich in Beziehuug auf die Flotte
»on erheblicher Bedeutung. Es flnd viclsache
Bcfestigungen uothwendig, und dazn bedarf
Preußen der vollen Verfngung über die in Be-
tracht kommenden Gebiete, vornehmlich eine
inilitärische Stellung zn beiden Scitcn deS Al>
sensundeS, oinen KriegShafen in der Kieler
Buchl und Bkfestigungen und KriegSHLfcu an
beiden Endpunkten des Nordostseekanals. End-
lich ist d-r Eintritt der Herzogthümcr in dcn
Zollverband nud eben so der Anschluß an die
großen VerkehrSanstaltcn Prenßens nothw. udig.
Nur nach völlig gesicherlcr AuSführnng dicjer
unerläßlichen Boraussetzungail kann Prcußen
seinc Aufgaben erfüllen und zu eincr dcfini-
tiven Regelung dcr Fragc die Hand biete». —
Die „Krcuzzeitung" erfährt entgegen andcrn
Nachrichten aus Wien, daß die Vorschläge der
neuesten preußischen Depesche von Oesterreich
nicht ungünstig aufgenommen worden seien;
die Annahme derselben im Wesentlichen stehe
in Anssicht.

Hambrrrg, 27. Febr. Zwischen den Re-
gierungen von Bayern, Hannover, Sachsen und
Würtemberg ist am 10. d. zu Köln der Ab-
schluß einer Convention zur Paßcrleichterung
in ihren Staatcn cingeleitel worden, zu deren
Bcitritt auch der hiesige Senat eine Aufforde-
rung erhalten hat.

Braunscbweig, 27. Febr. Der Bau-
direction ist der Befehl zugegangen, sofort den
linken Flügel des Herzogl. Schlosses, wclcher
nur hinter oem Mittelbau eiu Zimmer in der
Front, natürlich unten sowohl als oben, ver-
loren, wieder in Stand zu setzen, damit der
Herzog im Juli hineinziehen kann.

Wicn, 1. März. Die „Wiener Abendpost"
meldet dic Aufhebung der Jnternirungsmaß-
regel. Die meisten Jnternirten haben die öster-
reichische Grenze bereits iberschtitten. Auch
die Jnternirung von Langicwicz ist aufgelassen,
und eS ist derselbe in die Möglichkeit versetzt
worden, stch in die Schweiz zu begebcn.

F r a n k r e i ch.

Paris, 24. Febr. Man erwartel mit Un-
geduld daS nächste Dainpfboot aus Amcrika.
Es scheint sich zu bestätigen, daß das Cabinet
von Richmond hier Schritte thun ließ, um die
Aiierkennung der Südstaaten durch Fränkreich
zu erlangen, und man erwattet mit dern näch-
sten Dampfböot eine Bestätigung der deßfalls
gcmachten Propositionen. Wie es scheint, wäre
Präsident' Davis geneigt, diese Änerkennnng
theuer zn erkaufen: 1) durch ein Monopol für
Frankreich zur Ausfuhr der Baumwolle sür eine
Reihe von Jahren und zu einem sestzustcllen-
den Preise; 2) durch Aufhebnng der Sclaverei
nach einer gewisicn Zeit, und 3) durch Äbtte-
tung »on TepaS an Frankreich. Da jedoch der
Kaiser Napoleon entjchlossen scheint, nur ge-
meinschastlich mit England voranzugehen, und
die in London gemachten Eröffnungen cine wenig
erinllthigende Aufnahme fanden, so ist zu be-
zweifeln, daß Frankreich auf die Anträge deS
Hrn. Davis eingehen wird. (Frkf, Postztg.)

(Eine ergreifcndc Sccne), so wird in
Berlin erzählt. trug fich bci dem letztcn Lazarcth-
Bcsuche des Königs zu. Der König erblickte einen
Mann, der bclde Arme und Beine vcrloren hatte,
und fragte ihn, °b er irgcnd einen Wnnfch habe.
Der Virstümniclt- antwortctr: „Majcstät, laffcn
Sie mlch erschießen." Tkef erschüttert sagtc der
König, daß cr dlescn nnchristllchcn Wunsch nicht
-rfüll-n könne. Hicranf brach der Ilnglllckliche ln
Verwnnschungen gegen d-n Arzt ans, der jhn ge-
hetlt hatte. Dcr König wandte fich ab und weinke-

(Untergang des Dampfers Armenian.)
Nach einer Bcnachrtchtlgung dcr großbrltaunischcn
Postverwaltung ist der am 24. Zanuar d. Z. von
Ltverpool nach dcr Westküste von Afrika abgegangcnc
dritifche Postdampfcr „Armenian" unterwegs ge-
schcttert und find die mit demselben abgcsandtcn
Briefpaketc nach Madeira, Tenrriffa, Bathurst
(Gambia), Sirrra Lcona, Gorea, Eap Eoast
Castle (Golbküste), LagoS, Benin, Nun, Braß,
Bonny, Fcrnando Po, LameronoS und Alt-Ka-
tabar in Vcrlnst grratben.
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