Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

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Samstag, 2S April


* Politische ltmschau.

^ Eine tclegraphische SchreckenSkunde war
in den Spalten der neuesten Blälter enthalten:
Der Unionspräsident Lincolu und Staats-
secretär Scward sind unversehens durch Mör-
dcrhand gcsallen (der Tod des Letztercn ist bis
diesen Augenblick noch nicht bestätigt). Allem
Anschein nach ist dicse schwarze That, unmittel-
bar nach Niederwerfung des südstaatlichen Auf-
standes vollbracht, nicht nur als ein Werk nie-
driger Rachsucht anzusehen, sondern es ift da-
mit hauptsächlich noch beabsichtigt, durch Hin-
wegräumung dieser zwei durch ihre persönliche
Stellung und geistige Fähigkeiten bedeutungs-
vollen Männer das Werk des Wiederaufbauens
der Union thunlichst zu hindern. Auch auf
Grant, den bedeutendsten General der Unions-
truppen, scheint es abgesehen gewcsen zu sein;
durch einen Zufall ist derselbe jedoch glücklich
den mörderischen Geschossen entkommcn. Seward
galt für den fähigsten Staatsmann der Union;
Lincoln, wenn er diesem auch an geistiger Ca-
pacität nicht ganz gleichkam, war doch der Mann
des^ Vertrauens, auf dcn sich bei der letzten
Präsidentenwahl die verschiedenen Parteien des
Nordens vereinigt hatten, und es war derselbe,
nächdem unter seiner Obcrleitung der Bürger-
krieg glücklich überstanden war, zunächst dazu
berufen und auserwählt, das kaum minder
schwierige Werk der Versöhnnng des Nordens
und Südens und die Wiederaufrichtung der
ganzen und ungethcilten Union zu bewerkstel-
ligen. Ob und in wie ferne dieses Werk durch
die grausenerregende That eine Hinderung er-
fahren dürfte, wird sich bald zeigen. Um das-
selbe genau beurthcilen zu können, sind vor
Allem noch weitere detaillirte Nachrichten ab-
zuwartcn. Zu fürchten ist übrigens zum eige-
nen Nachtheile des Südens allerdings, daß die
bereits angebahnte Politik der Versöhnung jetzt
einer Politik der Rache Platz machen dürfte.
Der Mord Lincolns ist übrigens von vornherein
ein nutzloses Verbrechen. Jst der neue Präsident
wirklich so unbedeutend wie englische Blätter
behaupteten, nnd mögen seine angeblichen An-
tecedenzien an seinen Regierungsfähigkeiten noch
so großen Zweifel erregen. Niemand wird dar-
um glauben, daß das Schicksal eines Bundes-
staats, der seit seinem Entstehen eine solche Fülle
von Kraft gezeigt, an einem Menschenleben
Hängen, oder hilflos und rathlos sein werde,

wenn ein neues Uebel ein neucs Hcilmittcl er-
fordert. Der Abscheu gegen die ruchlose Par-
tei, welche nach so vielem Frevel auch noch diese
letzte Blutschuld auf sich gehäuft, wird im gan-
zen Lande seinen Ausdruck finden und Männer
in den Vordergrund rufen, deren Namen man
heute vielleicht noch nicht kennt, während im
Süden Alle, welche die Verbindung mit Mör-
derbanden scheuen, sich von einer Sache los-
sagen müssen, die im Verbrechen ihr lctztes Heil
sucht. Die ,,N. Fr. Z." glaubt nicht zu irren,
wenn man dies namentlich von den noch im
Felde stehenden Generalcn dcs Südens erwar-
tet, denen dieses beklagenswerthe Ereigniß nun
eine Gelegenheit bieiet, sich mit Ehren von einer
ohnehin verlorenen Sache zu trennen Wer
von jetzt an noch weiter für den Süden die
Waffen trägt, billigt das Verbrechen, indem er
aus dessen Folgen Nutzen zu ziehen sucht; er
trägt dann Theil an der Blutschuld. Auf Milde
hätte er dann nicht weiter zu hoffen, denn Milde
wärc künftig nur ein Zeichen der Schwäche.
Fortan werden die Heere des Südens zu Räu-
berbanden, wenn sie einen Kampf forlsetzen, der
nur noch auf Mordplane seine Hoffnungen setzt.
Daß es sich nicht um die verruchte That eines
Einzelnen oder weniger Verschworenen handelt,
liegt durch den gleichzeitigen Anfall auf Seward
und den beabsichtigten auf Grant klar zu Tage;
auch konnten die Mörder unmöglich ein an-
deres als ein Parteiinteresse habcn, sie waren
Sendlinge wie die im vorigen Herbste in New-
Aork ergriffenen Brandstifter und die in Ka-
nada verhafteten Räuber. — Der bisherige
Vicepräsident A. Johnson übernimmt nach der
Verfassung die Negierung; ein unbekannter
Mann ist er nicht. Von 1843 bis 1853 war
er Mitglied des Repräsentantenhauses des Con-
gresses; von 1854 bis 1856 Gouverneur von
Tennessee; für diesen Staat trat er 1857 in
den Senat und blieb der Union selbst dann
treu, als der Staat, der ihn erwähltc, abge-
fallen war. Nach der Eroberung von Nashville
wurde er zum Gouverneur von Tennessee er-
nannt und im November v. I. zum Viceprä-
sidenten erwählt. Seitdem hat er seinen Ruf
geschadigt durch sein Auftreten in der Sitzung
des Senats vom 4. März d. I., als cr den
Eid beim Antritt seines Amtes leistete; er soll
nämlich in so trunkenem Zustande gewesen sein,
daß ein Senator der Opposition erklärte, er
sei immer ein Gegner Lincolns gewesen, bete

aber nun für dessen Erhaltung währcnd der
nächsten vier Jahre, damit dem Lande das Un-
glück, von seinem erwählten Nachfolger regiert
zu werden, erspart bleibe. Hoffen wir, daß
die Scene vom 4. März (wenn sic wahr ist),
nur eine vereinzelte Verirrung gewesen, und
der neue Präsident eingedenk sein wird, daß er
der Nachfolger eines Mannes geworden, wel-
chen die späteste Nachwclt den Auserkorenen
zuzählen wird, die berufen waren die Gcschicke
ih«s Volkes aus den schwierigsten Lagen zu
günstigen Zielen zu leiteu.

Nach einem Wiener Telegramm des Frankf.
Zourn. ist Oesterreich geneigt, dem Antrag
Preußens wegen Einberufung der schleSwig-
holsteinischen Stände zuzustimmen, wenn
den Ständen in erster Linie die Staatsrechts«
fragen, nicht blos Finanzfragen vorgelegt
würden.

Der „Ostpr. Ztg." zufolge hat der König
der Wahl dcs Stadtkämmerers Hagen in Berlin
zum ersten Bürgermeister für Königsberg die
Bestätigung versagt.

Authentische Mittheilungen von augusten-
burgischer Seite bestätigen, daß der Herzog
Friedrich unter den preußischen Forderungen
namentlich den Fahneneid und die Verschmel-
zung des Post- und Telegraphenwesens bean-
standet habe. Ebenso den Oberbefehl im Fricden.

Das Deak'sche Programm für die Lösung
der ungarischen Fragc, das Nichts ohne Zu-
stimmung des ungarischen Reichsraths als rechtS-
kräftig anerkennt und für Ungarn eine größere
Selbstständigkeit in Anspruch nimmt, als die
übrigen Provinzen haben, wird von der österr.
Regierungspresse in ungarischer Sprache sehr
srcundlich aufgenommen, während die Wiener
Organe der Regierung es lebhaft bekämpfen.
Man schließt daraus, daß Zwiespalt im Mini-
sterum darüber herrscht, vermuthet aber, daß
die eigentliche Hofpartei im Ministerium für
Conzessionen an Ungarn ist.

Der Pariser „Abend - Moniteur" zeigt offi-
ciell an, daß die Subscription auf daS mexi-
canische Anlehen geschlossen ist. Die bis Samstag
Abend eingegangenen Zeichnungen werden
sämmtlich beibehalten, die späteren in geeig-
netem Verhältnisse reducirt.

Die Deputirtenkammer in Turin hat mit
großer Mehrheit die Aufhebung der religiösen
Corporationen beschloffen.

Auf das Grab Philipp Weckessers.

Du, guter Freund, mit Liedern reich verseh'n,
Hast Manches Tod in Strophen schön besungen.
Nun gingst Du selbst die Bahn zu jenen schönen

Auf dte Dein Geist fich oft hinangeschwungen.

Wohl Dir! DeS Lebens Kampf ist aus hinieden.
Er ist's für Dich, Du Freund von Wahrheit, Recht
und Licht.

So ruh' denn aus in schönerem, stillen Frieden —
Wir denken Dein, bis unser Aug' einft bricht!

Bremen, 20. April. Ie weniger Lage und
Größe unserer Stadt die Abhaltung eines allge-
meinen Nationalfestes begünstigt, desto reger find
die Vorbereitungen für das zweite deutsche Bun-
deSschießen zu betretben, desto weiter müssen die
künstlichen Anstaltcn ausgedehnt werden. So neh-
men denn auch die Vorarbeiten immer lebhafteren
Fortgang; fie erhalten immer bedeutendere Dimen-
fionen, und unsere Gäste werden ficherlich ganz
vergrssen, daß Bremen nicht zu den größten der

deutschen Städte zählt, daß dte Nordwestecke des
Vaterlandes nicht die Vortheile anderer Theile
desselben genießt. Schon jetzt kann ein Gang über
den Festplatz, der etwa fünf Minuten vom Bahn-
hofe entfernt ist, das schnelle Vorrücken deS Unter-
nehmenS lehren; die Großartigkeit, die das Fest
erhalten wixd, zeigt ein Blick auf den weiten Platz,
welcher bereitS die Hauptbaulichkeiten trägt: bie
Festhalle von etwa 85,000 Quadratfuß Grundfläche

gedehnten Wirthschaftsräumen und die 150 Schieß-
stände enthaltende Schießgallerie. Schon beginnt
der Bau deS Gabentempels; die Errichtung der
mächtigen Eingangspforte und der für Restauration,
Tanz und ähnliche Zwecke bestimmten Gebäude wird
nicht lange auf sich warten lassen. Dirse letzteren
Bauten werden den eigentlichen Festplatz von dem
Dolksplatze trennen, auf dem Verkaufsbuden und
Volksbelustigungen ihreStätte finden follen. Schau-
stellungen von Erzeugnissen der Gewerbe und Jn-
dustrie, Ansammlung aller Seehandel und Schiff-
fahrt charakterisirenden Gegenstände werden mit
größtem Eifer vorbereitet. Die Eomite'« sparen

nicht Mühe und Zeit, alle Schwierigkeiten zu be-
seitigen. Das Wirthschafts-Comite geht ben übrigen
in Eifer und Arbeitsamkeit voran. Die über des
LeibeS Nahrung abgeschloffenen Lieferungsverträge
zeigen deutlich die bedeutende Ausdehnung deS Festes;
schon werden die hundert Ochsen, bie vom Comite
gekauft sind, auf die neu grünenden Marschweiden
getrieben. Dem Verkehre sollen Erleichterungen jeder
Art geboten werben; die zoüfreie Rücksendung der
aus den Zollvereins-Ländern kommenden Ehren-
gaben ist gesichert; nur müsscn die einzelnen Ge-
schenke mit der Eisenbahn oder mit der Post dem
Comite zugestellt werden. Die Gastfreiheit unserer
Bürger wird fich voraussichtlich glänzend bewähren;
zur Ordnung der Verhältnisse find baldtge Mel-
dungen und möglichst genaue Angaben über die
Zahl der Schützen, die aus den einzelnen Orten
zu uns kommen, Lußerst erwünscht. DaS Fest-
Comite hat an dte hiefigen Vereine und Corpo-
rationen einen Aufruf erlaffen, der zur Bethet-
ligung am Hauptfestzuge auffordert. Das Fest-
Comite bereitet die Herausgabe eines besonderen
Festbuches vor und hat die ersten Schritte zur Her-
stellung der officiellen Festzeitung gethan, deren
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