Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

Page: 507
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865/0507
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Ueidelberger Zeilung.

KreisverMidigungsblatt fiir den KreiS Heidelberg und aintliches Äerkündigungsblatt für üie Amts- und Autts-
Gcrichtsbczirkc Heidelbcrg Md Wicsloch md den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

N 11L


Dicnstag» 18 Mai


* Politische llmscbau.

* Die sehr bemerkenswerthe Denkschrift der
yreußischen Regierung in Betresf Schleswig-
Holstcins geht davon aus, daß die Einverlei-
bung der Herzogthümer an sich das Beste sein
würde; aber dieselbe sei für Preußen mit „großen
sinanziellen Opfern" verbunden, und sie sei
nicht unbedingt geboten. (Wem fällt hier nicht
die alte Fabel vom Fuchse u. den sauren Traubcn
ein?) Dagegen werde Preußen cntschieden an
seinen Fordcrungen festhalten. Für dieselben
soll die Landesvertretung der Herzogthümer
durch sanfte Mittcl, durch Verständigung mit
Vertrauensmännern, die dann in der Landes-
vcrsammlung zu wirken hätten, gewonnen wer-
den. Auch für dic Compensation gegenüber von
Oesterreich hat man von Seiten Bismarck's
sehr freundlichc Worte. Man erkennt an, daß
es für Deutschland hochwichtig sei, Oesterreich
den Besitz dcr nördlichen Bucht der Adria zu
sichern. Auch mit dieser Compensation wird
sich jedoch Oesterreich schwerlich zufrieden gcben.
SämmtlicheVerhandlungen hierüber haben übri-
gens, dem Vernehmen nach, noch nicht statt-
gefunden. Der Kaiser der Franzosen soll ebcn-
falls für die Projecte des Hrn. v. Bismarck
sich wenig zugänglich erwiesen haben und dcr
östcrreichischcn Auffassung der Hcrzogthümer-
frage beigetrelen sein. Dieser Umstand soll zu
der Wendung der neuesten preußischen Politik
wesentlich beigetragen haben.

Der Prinz Napoleon ist heute nach Ajaccio
abgcreist, um den Feierlichkeiten bei der Ein-
weihnng des Bonaparte-Denkmals, welches die
Stadt Ajaccio errichtet hat, beizuwohnen.

Der Moniteur veröffentlicht die franzosisch-
preußischen Verträge.

Die portugiesischen Cortes sind aufgelöst
worden. Das neue Ministerium Sa da Ban-
deira hatte keine Mchrheit in dcmselbcn erlan-
gen können.

Jefferson Davis mit einigen seiner Ge-
fährten hat Südcarolina erreicht; seine Gefan-
gennahme vor Ueberschreitung des Missiffippi
wird erwartet.

D e rr t s ch l a n d

Karlsruhe, 6. Mai. (Fortsetzung der 29.
öffentlichcn Sitzung dcr 1. Kammer.) Hr. Ge-
heimr. Gr. v. Hennin fährt fort: Jn diesem

T Neckarsteinach, 14. Mai. Unser Städtchen
hatte heutc einen Festtag, dessen friedlich - heitcrer
Charakter einen grellen Contrast zu den bedauer-
lichen Vorgängen bildete, die das Wandercafino
bei uns vor drei Wochen provocirt hat- Unser
Sängerbund beging heute seine Fahnenweihe. Das
Wetter, von dessen Gnnst oder Ungunst das voll--
ständige Gelingeu eines Volksfestes wesentlich ab-
hängt, war herrlich, vie Zahl der fremden Gäste
nicht unbedeutend. Zu activer Theilnahme fanden
sich die Liedertafeln von Heidelberg, Neckargemünd,
Eberbach, Hirschhorn, Ziegelhausen, Heiligkreuz-
steinach, Rcichartshauscn, Schönau und Weinheim
ein. Die Stadt batte ein einfaches, aber schmuckcs
Fcierkleid angelegt. Vor dcn Häusern prangten
junge Birkcnstämme und bildeten so ein frisches,
lebendiges Spalier. Dic Mauern der Wohnungen
zierten Laubgewinde und Kränze, dazu ragten aus
vielen Fenstern Fahnen mit den deutschen oder
hessischen Landesfarben. Der Festplatz lag einige
hundert Schritte vor dem Ostende der Stadt zwischen
der Ehaussee und dem Neckar auf rafigrm Wiesen-
grunde. Gine mit Laubguirlanden reich geschmückte
Ehrenpforte eröffnete den Zugang, sie trug aus der

hohen Hause wird wohl kein Zweifel darüber
bestehen, daß bei der Erziehung der Jugend
Wahrung und Bcförderung des religiösen Ele-
ments ein mächtiger Hebel zur Heranbildung
edler, sittlicher Menschen und tüchtiger Bürger
des Staats ist. Das Schulaufsichtsgesetz erkennt
dieses auch an, indem es den Ortsgeistlichen,
der in den meisten Gemeinden auch vorzngs-
weise in der Lage ist, eine wirksame Schul-
aufsicht zu führen, in crster Rcihe in den Orts-
schulrath beruft; allein da der Staat seit dem
Gesetz vom 9. Okt. 1.860 keine VerfügungSgc-
walt mehr, wie früher, über die Diener der
Kirche hat, wäre es sehr wünschenswerth ge-
wesen, daß gr. Regicrung sich mit der Kirchen-
gewalt vor Verkündigung des fraglichen Ge-
setzes darüber verständigt hätte, unter welchen
Voraussctzungen man der Mitwirkung der Orts-
geistlichen im Ortsschulrath versichert sein könne.
Jch glaube, diesc Vcrständigung wurde nicht
einmal versucht, denn sie wurde b'ei der Erör-
terung über dieses Gesetz von einem der Herren
Regierungscommiffäre geradezu als unzuläffig
bezeichnet. Nach meincm Dafürhalten liegt der
Schwerpunkt des ganzcn Schulstreites in dem
Eintritt der Ortsgeistlichen in den Ortsschul-
rath; denn gelingt dieses nicht, so halte ich
das-Schulanfsichtsgesetz in den meisten Land-
gemeinden, in wenigstens der katholischcn
Volksschulen schlechterdings undurchführbar ohne
zu große Schädigung der Schulen, freilich
auch der Kirche selbst. Jch bedauere zwar, daß
dieser Eintritt nicht geschehen ist, und hätte viel-
mehr gewünscht, daß sich die Ortsgeistlichen
geradc wegen Beförderung des religiösen Ele-
ments recht lebhaft bei dcr Ortsschulaufsicht
bethciligt hätten; allcin ein Zwang gegen die-
selben steht denr Staat nicht zu, und es bleibt
daher nichts Anderes übrig, als im Wege der
Verständigung und durch Couzeffioncn die Kir-
chengewalt zu vermögcn, das Verbot des Ein-
kritts zurückzunehmcn. Jn der Ueberzeugung
von der Undurchführbarkeit dcs neuen Gesetzes
unter den jetzigen Verhältniffen licgt wohl ein
Hauptgrund zur Beunruhigung der viclen Tau-
sende von katholischen Staatsbürgern, welche
in den uns vorliegenden zahlreichen Eingaben
die Vermittlung diescs hohen Hauscs zu dem
WKke des Friedens anrufen. Eine friedliche
Verständigung wäre yor Verkündung des Ge-
setzes vom 29. Juli v. I. und vor dem Ein-
tritt gewiffer verletzender und erbitternder Vor-

innern Seite die Jnschriften: „Lied wird That, i
früh oder spat", und: „Deutschcs Lied set feste
Wehr deutscher Einheit, deutscher Ehr'", auf der ^

Worten im Giebelfelde: „Willkommen; Gott grüß'
mit hellem Klang, Heil deutschem Wort und Sang". !
Das eigentlichc Object der Fcier, die neuc Fahne, ^
wrhte von der Tribüne herab, sie zeichnct sich durch
geschmackvolle Ginfachheit aus. Auf der einen Seite
zeigt fie eine Leier, die mit zwei Eichenreisern um-
kränzt ist, oben die Worte: „Gestiftet von Frauen
und Zungfrauen 1865", auf der andern Seite er-
blickt man daS Gesicht eines Sängerfürsten und
mufikalische Embleme, dazu die Angabe: Sänger-
bund von Neckarsteinach 1860. Die Goldschrift tritt
auf dem weißen Grunde deS Moireestoffes recht
stattlich hervor. Rechts und links von der Tribüne
flaggten die Fahnen der übrigen Liedcrtafeln. Der
äußere Verlauf deS Festes gestaltere sich in folgen-
der Weise. Um sechs Uhr in der Früh wurde durch
Böllerschüffe und Festmufik die Tagreveille bezeich-
net. Zwischen acht und zehn Uhr empfing das Co-

kommniffe unzweifelhaft leichter zu erzielen ge-
wesen, als jetzt, besonders da ein auf verfas-
sungsmäßigem Wege zu Stande gekommenes
Gesetz auch immer wieder auf verfassungs-
mäßigcm Wege abgeändert werden kann;
allein da nach den offiziellcn Kundgebungen
der katholischen Kirchengewalt nicht zu verken-
nen ist, daß die Hauplbeschwerden gegen die
Schulneucrungen nicht sowohl im Jnhalt des
Dchulaufsichtsgesetzes selbst, als vielmehr in den
Besorgnissen eincr ungenügenden Wahrung der
Jntcreffen der katholischen Kirche, in den obern
'Ltaatsanfsichtsbehördcn, insbesondere bei der
objectiven und subjectiven Organisation des
Oberschulraths zu finden sind, so habe ich die
Urberzeugung, daß sich auch innerhalb der
Rahmen der verfaffungsmäßig zu Stand ge-
kommenen Gesetze vom H. Okt. 1860 über die
Stellung der Kirchen im Staat und vom 29.
Zuli 1864 über die Bcaufsichtigung der Volks-
schulen solche Vorschläge machen laffen, die als
Grundlagc zu Vergleichsversuchen dieuen könn-
ten und im Fall dcr Verständigung auch wie
im Jahr 1861 im Wege der Verordnung ohne
Mitwirkung dcr Stände in das Leben treten
könnten. Diejenigen Punkte. welche vorzugs-
wcise einen Gegenstand der Verständigung bil-
den könnten, dürften folgende sein: die Ermög-
lichung dcs Eintritts der Ortsgeistlichen in den
Ortsschulrath durch Sicherung einer geeigneten
und vor Willkür geschützten Stellung derselben,
ferner die Bestimmung einer Parität für die
Angehörigen der kathol. Kirche in den oberen
L-taatsaufsichtsbehörden in Schulsachen, und
eine von der katholischen Kirchengcwalt aus-
drücklich gewünschte conseffionelle Aufsichtbehörde
für die katholischen Volksschulen. Jn letzterer
Beziehung möchte ich besonders hervorheben,
daß, da durch das Schulaufsichtsgesetz der con-
fesiionelle Character der Volksschulcn im Wider-
spruch mit den ursprünglichen Thesen des Ober-
schulraths ancrkannt wurdc, es viel consequenter
wäre, diesen Character auch in den mittleren
und oberen Staatsaufsichtsbehörden wcnigstens
in den erheblichsten Punkten beizubehalten.
Wollte man mir entgegnen, es ließen sich keine
Vorschläge zu einer Verständignng finden, da
die Gesetze vom 9. Oktober 1860 und vom
29. Juli 1864 die Sache schon bestimmt ge-
regelt hätten, so muß ich entschiedcn betonen,
daß ich diese beiden auf verfaffungsmäßigem
Wege zu Stande gekommenen Gesetze durchaus

i mite die. anlangenden auswärtigen Vereine und
geleitete fie in die ihnen bestimmten Locale. Zwi-
i schen 11 und 12 theilte man die Festzeichen auS
! und hielt eine Generalprobe für das Concert. Um
! 2 Uhr gaben Böllerschüsse das Zeichen zur Aufstel-
j lung des Festzuges. Man holte die Fahne, die
! Festiungfrauen und daS Damencomite ab. Hierauf
hatte der Festzug durch die Stadt biS züm Platze
! der Fcirr statt. Nach einer Ouvertüre, die daS
! Orchcster vsrtrug, bewillkommnete Herr Götz die
Sänger und erörterte dann in etner längern Rcde
die Bedeutung drö Tages. Hierauf folgte die Fah-
nenweihe und der Vortrag bes bekannten Zöllner-
schen Liedes durch unsern Sängerbund. Daran reihte
fich daS eigentliche Gesangconcert. Die Auswahl
der Lieder verdient den Beifall eines jeden Mufik-
kenners. Mendelsohn-Bartholdy, der Tiefempfin-
dende und Formengewandte, war durch zwei Num-
mern vertreten. Neben ihm sang man Stücke von
Nägeli, Abt, Kalliwoda, Kreuzer, von denen, wte
Jeder weiß, bie beiden ersten fich durch einen glück-
lichen volksthümlichen Ton in ihren Compofitionen
auszeichnen. Sollen wir auch ein Wort über die
mufikalischen Leistungen sagen? Es ist dies in viel-
loading ...