Heidelberger Zeitung — 1865 (Januar bis Juni)

Page: 565
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865/0565
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Ueidelbkrger Zeilung.

Kreisverkündigungsblatt sür den Kreis Heidelberg unü amtliches Berkiindigungsblatt für die Amts- und Amts-
Gerichtsbczirke Heidelbcrg unü Wicsloch Md dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargemüuü.

M 12«


Mittlvoch, :r> Mai


Zeitung" kann man sich
noch für den Monat
Iuni mit 21 Kreuzern abonniren bei allen Post-
stanstalten, den Boten und Zeitungsträgern,
sowie der Expedition (Schiffgasse Nr. 4).

* Politische ttmfchan.

Eine, den beiden deutschen Großmachten zu-
gegangene identische Note Oldenburgs protestirt
gegen ein entscheidendes Votum der schleswig-
holsteinischen Stände, und weist auf die „Agi-
tationen" des Herzogs von Augustenburg hin.

Der Handels - und Niederlassungsvertrag
zwischen dem Zollverein und der Schweiz ist
am 27. Mai zu Stuttgart paraphirt worden.

Der Prinz Napoleon geht auf Reisen. Die
Kaiserin-Regentin übermittelte dessen Demis-
sionsgesuch direct an den Kaiser. — Frankreich
verlangt zwölf Millionen Entschädigungsgelder
von Madagascar.

Durch den Brief des Kaisers an den Prinzen
hat sich, so viel sieht die Welt, Napoleon zu
etwas hinreißen lassen, was nie wieder gut zu
machen ist: er hat, sagt die „N. Fr. Z.", in
einem blinden Grimm, dessen man sich bisher
zu ihm vcrsah, sich zum sultanischen Despoten
ausgerufen, nicht nur seiner Familie, sondern
der ganzen sranzösischen Nation; er hat vor
Europa die ganze Zukunft der Dynastie Bona-
parte auf seine eigene Gottähnlichkeit gestellt,
er hat vor Europa sich berühmt, es dürfe bei
seiner Regierung nur Einer wollen und nur
Einer handeln: tiefes Schweigen dcr Ehrsurcht
im Palast, tieses Schweigen des Gehorsams im
Lande! Das hat seit Ludwig XIV. den Fran-
zosen Niemand zu bieten sich erdreistet, das hat
selbst Napoleon I. zwar zu üben, aber nicht
zu sagen gewagt; und dies Eine Wort der
Unvorsichtigkeit wird sich schwerer rächen als
alle Handlungen der Gewalt, die dasselbe Prin-
cip errathen ließen, aber doch nicht aussprachen.

Die „France" sagt, es sei weder möglich
noch schicklich zu discutiren, nachdem der Kaiser
sich ausgesprochen habe. Der „Temps" legt
dar, daß dieser Zusammenstoß, „über den Häup-
tern" der Presse vorgehe, und nur berichtet,
nicht beurtheilt werderu könne. Die „Gazette
de France" lobt ihn sehr. Die „Opinion natio-
nale" hüllt sich in tiefstes Schweigen bei dem
Schlag, der ihren Beschützer trifft. Die meisten

anderen Blättcr halten es ebenso. Die „Presse"
war das einzige Blatt, das die Antwort des
Prinzen brachte.

Der 46. Geburtstag der Königin Victoria
ist am 24. Mai in üblicher Weisc durch Kano-
nendonner, Freudengeläute und Abends durch
eine Jllumination geseiert worden.

Die italienische Democratic sieht iu der Aus-
söhnung mit Rom nur den zwciten Theil der
September-Convention, ein Manöver der Na-
poleon'schen Politik, um die Throne von Frank-
reich uno .Jtalien zu bescstigen, und wirst nach
allen Sciten die Brandsackel der Revolution
aus. Werden diese eine zündende Kraft habeu?
Dies wird sich bald zeigen. Die Democratie
macht aber noch anhere Gründe geltend; sie
richtet ihre Blicke aus die Kirchenschätze Jta-
licns. Jn den Kirchen Jtaliens liegen 200,000
Psund Silber. 20,000 Pfund Gold. Der Werth
der Edelsteine übersteigt die Summe von 20
Millionen Liren. Die Einkünfte des gesammten
italienischcn Clerus belaufen sich auf mehr als
40 Millionen Liren.

Hr. Bigelow, Gesandter der Ver. Staaten
iu Paris, ist beaustragt, der französischen Re-
gierung die positivste Versicherung zu geben,
daß das Cabinet von Washington fest entschlossen
ist, die allerstrengste Neutralität in Betreff Mexi-
co's, welches jetzt untcr dem Schutze Frankreichs
steht, zu beobachten.

Nachrichten aus Mexico vom 28. April,
welche die „Patrie" empfing, melden, daß Oberst
de Potier die „Armee der Jnsurgenten", die
3500 Mann stark war, bei Aonicuco vollstän-
dig in die Flucht geschlagen hat. Die Auf-
ständischen haben 500 Mann verloren. Die
Verluste der Franzosen waren geringfügig. Die
Husaren trugcn wesentlich zum Erfolge des
Tages bei. Auch das 81. Linienregiment und
eine belgische Compagnie, die sich bei dem fran-
zösischen Corps besand, schlugen sich vorzüglich.

Privatnachrichten aus Brasilien wollen wis-
sen, daß ein Schutz- und ein Trutzbündniß
zwischen Brasilien und den La-Plata-Staaten
abgeschlossen worden sei. Nach demselben wür-
den sich die La-Plata-Staaten verpflichten,
20,000 Mann zu stellen und den Feldzug gegen
Paraguay zu eröffnen. Die Regierung von
Paraguay hat indessen Sorge getragen, daß
der Vertheidigungszustand des Landes ein vor-
trefflicher ist; es sei hier nur erwähnt, daß
Humaita, welches die Einfahrt in den Fluß

^München, 24. Mai^ In den Annalen^ dcs

Unglück verzeichnet. sein, als dasjenige, welches
Rtchard Wagner bezüglich der ersten Aufführung
seiner Oper „Tristan und Isolde" hat. So mußte
dle endlich auf übermorgen anberaumte erste Vor-
stellung der Oper abermals vcrschoben werden, in
Folge abermaligen Unwohlseins der Frau von
Scknorr, und läßt sich vorerst noch nicht sagen,
wann dreselbe wtrd stattfinden können. (Aus Mün-
chen lchrelbt man der Nat.-Ztg-, daß die viel-
besprochenc Dpcr ^,,Tristan und Isolde" definitiv
beseitlgt se>. Istlt >Lr. Majcstat dem Könige, welcher
auf unbestimmte Zeit nach Berg am Starnberger
See stch begebcn, habe Wagner vor der Hand
keinen Vcrkehr; von Bulow habe mit dcm Theater
nichts mehr zu t.bln,; Herr und Frau von Scknorr
seien abgerelst. Nlcht dle Bülow'sche Affaire aber
set die Ursache kiervon. sondern der Inhalt der
Oper. Dic böckst übertriebenen und in eincm Act
fast eine Stunde währenden Liebeleien wurdcn alS
undarftellbar bezeichnet, und man hat den König

Jn Paris wird nächstens einc arabischx Säuge-
rin auftreten,.die eine so auSgedehnte Stimme hat,
daß fic alle Männer- und Frauen-Rollen zu stnaen-
im Stande ist.

* Literarisches.

„Schleswig-Holstein, Kriegs- und Friedens-
bilder, herausgegeben vom Grafen A. Baudis-
sin", sind jetzt einige weitere Lieferungen erschie-
nen und der Redaction dieser Zeitung zugeschickt !
worden. Unser erstes günstiges Urtheil über dieses !
Werk können wir nach Durchsicht der vorliegenden
neuen Hefte nur wiederholen, und es freut uns, ^

kennung zollt. Wir führeu z. B. nur eine Be-
sprechung der „Brrmer Morgenpost" an. Dirses ^
Iournal spricht fich aus, wie folgt:

„Schleswig-Holstein, Kriegs- und FriedenSbilder,
berausgegeben vo^ Graf A. Baudisstii",^ heißt ein

In sehr^angenedm leicbtem Styl erzäblt nns der
dnrch seine schriftstellerische Thätigkeit für Schles-
wig-Holstein, seire Romane und Skuzcn genugsam
bekanntc Verfasser Alles, was er übcr Lano und -
Leute vo»l SckleSwig-Holstein sagm kann, und !
dessen ist eine große Fülle, da Baudtssin nickt nur !
geborener Sckleswig-Holsteiner ist, und mit Liebe !
und Treue Alles stets im Auge behielt, was zwi- !
schen den beiden Meeren vorging, sonbern auch daS >
Land in den verschiedensten Perioden durchwanberte '

Paraguay dominirl, verstärkt worden ist. An
der Spitze eines Armeecorps von 30,000 Mann
steht der Präsident der Republik, Gen. Lopez,
der unablässig für die gute Organisation der
Vertheidigungsmittel des Landes arbeitet und
bis in das Herz des seindlichen Landes drin-
gen will, um hier die Freiheit der Sclaven zu
proclamiren.

Deutschland

Karlsruhe, 29. Mai. Jhre Königlichen
Hoheiten der Großherzog und die Frau Groß-
herzogin haben Sich heule mit dem Erbgroß-
herzog und der Prinzessin zu längerm Aufent-
halt nach Baden begeben.

Karlsruhe, 29. Mai. Das neueste Re-
gierungsblatt vom 27. d. M. enthält ein pro-
visorisches Gesetz: einige Abänderungen deS
unter dem 3. d. M. verkündeten Vereinszoll-
tarifs betreffcnd.

F Heidelberg, 25. Mai. Zwei Tagesereig-
niffe waren gewiffermaßen für Frankreich Vie
Persigny'sche Broschüre über das Verhältniß
von Papft und Jtalien, und die Rede des
Prinzen Napoleon, gehalten in Ajaccio, der
Geburtsstadt Napoleons I., bei Gelegenheit der
Errichtung des Denkmals seines großen Ahnen.
Was vorerst Persigny betrifft, so will dieser, daß
der Papst die ultramontane Partei entferne,
und sich mit Jtalien, welches ihm seine welt-
liche Herrschafl zu belassen habe, in der Art
verständige, daß die Römer mil den übrigen
Jlalienern in allen Angelegenheiten bis zu jenen
Grenzen geeinigt wären, welche die weltliche
Herrschast des Papstes zieht. Bei diesem Pro-
gramm scheinen aber 2 Factoren, die in der
neuen Geschichte Jtaliens Hauptrollen gespielt
haben, nämlich die der äußersten Rechten und
der äußersten Linken, übersehen worden zu sein.
Der Persigny'schen Broschüre wird daher selbst
von den Pariser Blättern keine practische Be-
deutung beigemessen. Noch weniger Werth wird
auf die Rede des Prinzen Napoleon in Ajaccio
gelegt. Nachdem das Publikum die Rede schärfer
angesehen, hält sie Niemand mehr für ein
liberalcs Programm, sondern man findet, sie
sei eben wie eine Art- von Regierungsreden in
der Kammer auch, wo der Prinz als ein Vor-
läufer der bewegenden Jdeen des Kaisers gilt.
Was die innern Freiheiten anbelangt, so wird
keine sofort zugesagt, sondern lediglich auf die
Zukunft vertröstet.

in seiner Sckmack; er bat cS sick erheben sehen im
ersten sckleswig-holsteinischen Kriege, und hat selbst
in den Reihen derer gestanben, die daS-«L-chwert
zogen gegen seinen Todfeind; er sah die Demüthi-
gung des verrathenen und verlassenen VolkeS; er hat
mitgejubelt, als die alte Sckarte ausgewetzt wurde,
und hat die Befreier seines Vaterlandes Schritt für
Sckritt begleitet, als sie die dänischen Fesseln brachen.
Gerade Baudissin schten berufen zu sein, uns ein
Bild von den Zuständen und Schicksalen der Hek-
zogthümer zu entrollcn, und er hat diese Aufgabe
mit großcm Geichick und mit vielem Glück gelöst.
Anziehende Schilderungen dcr Landschaften »nd des
Lharakters, der Sitten und der Gcwohnheiten der
Bewohner sind verknüpft mit dcn Darstellungen der
Ereignisse aus alter, nener und jüngster Zeit,
durchwebt mit Erinnerungen aus des VersafferS
Kindheit, mit anziehendrn Zeicknungen von Eha-
rakteren und humoristischcn Geschicktchen und Anrk-
doten. Auch die Ausstattung des Buches ist eine
vortreffliche, sehr hübsche Illustrationen von O. Fi-
kentscker, E. Hartmann, I. Kleemann, L. Kolb,
Th. Weber u. s. w. sind dcm Terte beigegcben
und erhöhen dessen Werth. Der Preis ift dabei ein
reckt geringer, es ersckeinen 12 Hefte, das Hrft von
4 Bogen mit 16. Illustrationen koftet 6 Sgr., die
AuSgabe wird sichrr Keinen gereuen.
loading ...